Geballer statt Geböller

Wie in der letzten Ausgabe versprochen, stellen wir euch die Band Ragana* und das neue Album vor! Wobei wir anmerken müssen, dass Ash Souvenir die erste Zusammenarbeit mit dem Labelfreund Drowse aka Kyle Bates ist und somit kein alleiniges Ragana Album.

Ragana bezeichnen sich selbst als queeres, antifaschistisches Black Metal/Doom Duo und bestehen aus Maria Stocke und Noel D.K. Gilson. 2011 lernten sich die beiden in einem Supermarkt in Olympia, Washington kennen und die gemeinsame Leidenschaft für die Black-Metal-Band Wolves In The Throne Room veranlasste sie, selber Musik zu machen. Maria und Noel bezeichnen das Schlagzeug als ihr wichtigstes Musikinstrument und wechseln sich auch mit Gesang, Gitarre und Songwriting ab. Nach einigen Jahren in Oakland, California zogen die beiden 2024 wieder zurück nach Olympia. Es wurden diverse Alben und EPs auf Tape und CD selbstveröffentlicht, die 2022 teilweise vom Kölner DIY-HC/Punk-Label Contraszt! Records wiederveröffentlicht wurden. 2023 unterschrieben Ragana dann bei Flenser Records**, San Francisco. Dort erschien im gleichen Jahr das vierte Album Desolation‘s Flower, welches die ansonsten bisher recht männerdominierte Metalszene wachrüttelte. Selbst die taz, bestimmt kein Szenemagazin, berichtete im Mai 2024 über das Roadburn Festival*** (Tilburg) vs. Wacken, die neue Diversität im Heavy Metal und erwähnten Ragana. Freund*innen und Genoss*innen die das Roadburn besucht haben, kamen bisher nicht aus dem Schwärmen bezüglich der Freundlichkeit, Toleranz, Diversität und auch musikalischen Vielfältigkeit in Tilburg heraus. Diese musikalische Vielfalt spiegelt sich auch im Backkatalog des Labels Flenser Records wieder. Gitarrenorientierte Musik bis hin zu experimentellen Soundkünstler*innen sind auf dem Label vertreten. So ist die Zusammenarbeit von Ragana und dem Experimental & Slowcore Künstler Drowse nicht weiter verwunderlich, sondern die konsequente Weiterführung der „neuen Metal-Philosophie“ bzw. des Labelstandpunkts von Flenser Records, „Dark Experimental Music“ zu veröffentlichen.

Kyle Bates aka Drowse aus Portland, Oregon, war vorher Mitglied bei der „Portländer“ HC-Band Sloths. Unter dem Synonym Drowse ist Kyle Bates seit 2013 tätig und hat seitdem diverse Alben und EPs, auf Tape, Vinyl sowie Digital veröffentlicht. Er selber bezeichnet seine Musik als „Gray/Drone Pop“ und das Pitchfork Magazin schrieb im Dezember 2020: „blending slowcore, ambient, and folk with lo-fi musings on memory and entropy, [part of] a grand tradition of Pacific Northwestern gloom.“

Der Albumname Ash Souvenir der gemeinsamen Zusammenarbeit mit Ragana bezieht sich auf den Ausbruch des Mount St. Helens, in dessen Folge jede*r im pazifischen Nordwesten von seiner Asche und seiner Zerstörungskraft betroffen war. Dieses Ereignis hat sich bis heute im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung verankert und als „Ash Souvenir“ ein bleibendes Andenken im pazifischen Nordwesten gefunden.

Vielleicht endet das Album auch deswegen mit dem gemeinsamen Refrain: „There is nothing to lose.“

Zum Schluss möchten wir noch anmerken, dass Ash Souvenir 2024 beim Roadburn Festival uraufgeführt wurde (und wir leider nicht dabei waren). Die Studioaufnahmen fanden dann im Winter 2024 im Unknown Studio in Anacortes, Washington, statt.

Ehemalige Label-Mates von Ragana sind das Doom-Metal-Duo Bell Witch aus Seattle. Die ersten beiden Alben Demo 2011 (2011) und Longing (2012) von Dylan Desmond (Bass & Vocals) und Jesse Shreibman (Drums & Vocals) sind damals in den Vinylauflagen ebenfalls auf Flenser Records erschienen. Die späteren Alben, außer der Live At Roadburn 2015, released 2018 auf Roadburn Records, sind dann alle auf Profound Lore Records**** veröffentlicht worden. Im November dieses Jahres erschien die zweite Kollaboration mit Aerial Ruin, dem Solo-Akustik-Projekt von Erik Moggridge, mal wieder aus Portland, Oregon. Auf Stygian Bough Volume II, Nummer I erschienen 2020, vier epische Tracks, teilweise von gregorianisch anmutendem Choralgesang begleitet, ultralangsam und doomig gespielt. Der Kirchenbesuch kann somit auch in diesem Jahr wieder ausfallen, die Messe kommt vom Plattenteller! Wahrscheinlich würde der Oberbilker beim Betreten einer Kirche sowieso zu Staub zerfallen.

Auf jeden Fall bin ich an den trüben Dezembermorgen schwerstens motiviert, um 6 Uhr wieder an die Schippe zu gehen und möchte lieber weiter „Bellwitchen******“

Das 2023 Album Future‘s Shadow 1 - The Clandestine Gate möchten wir euch auch wärmstens an das „gloomige“ Herz legen. In den vier Tracks auf der Doppel-LP zelebrieren Bell Witch mit Synthesizer, Orgel & Piano einen stoischen, fast schon nihilistischen****** Sound.

Schon vom April diesen Jahres ist das Album The Film (Original Motion Picture Soundtrack) von Sumac und Moor Mother aka Camae Ayewa Ann Inez. Sumac ist eine kanadisch & amerikanische „All Star Band“, bestehend aus Aaron Turner (Isis, Lotus Eaters, Old Man Gloom, usw.), Brian Cook (Russian Circles, Botch, usw.) sowie Nick Yacyshyn (Baptists, usw.) die gemeinsam avantgardistischen, experimentellen Sludge-Metal spielen. Bestehend seit 2014 zerlegen Sumac Soundstrukturen konsequent in ihre Bestandteile. So haben Sie mit dem japanischen Improvations - und Noisemusiker Keiji Haino auch schon mehrfach zusammengearbeitet. Alle drei Alben – wie auch die Sumac Solo-Alben – sind empfehlenswert. Moor Mother ist seit 2012 als Aktivistin, Musikerin und Poetin in Philadelphia, Pennsylvania, tätig. Anfangs zeichneten sich ihre Alben durch eine düstere, fast industrielle Atmosphäre aus. Die späteren Veröffentlichungen vermischte sie mit Free Jazz- und Hip-Hop Einflüssen. Auf dem Album The Film, welches kein Film-Soundtrack ist, sondern nur so heißt, vermischen sich die brachialen Soundstrukturen von Sumac mit dem avantgardistischen Sprechgesang Moor Mothers. Dunkel, düster und schwer verdaulich nehmen uns die Künstler*innen mit auf eine Reise, bei der wir bis jetzt noch nicht wissen, wie diese abgeschlossen wird. Was vielleicht auch gut so ist, denn die „Arrangements“ erschließen sich bei jedem Hören immer wieder aufs Neue. Erschienen aus Thrill Jockey Records, New York.

Die in Vietnam geborene und mittlerweile in Portland, Oregon lebende Autorin, Musikerin und Poetin Dao Strom ist eine der Entdeckungen diesen Jahres. Das Album Tender Revolutions lief bei Parallel (Köln) im Laden und machte sofort neugierig. Spoken Word kombiniert mit Ambient-Post-Folk. Teilweise sphärischer Gesang unterlegt mit Gitarre, Piano, Keyboard, Synthesizer und gesampelten Aufnahmen. Als dann auch noch Dao Stroms Version von China Girl den Laden beschallte, war es um mich geschehen. Für alle Popbanausen: China Girl wurde 1977 von David Bowie und James Osterberg (Iggy Pop) geschrieben und erschien damals zuerst auf Iggys Album The Idiot. Die bekanntere Version dürfte die Auskopplung von David Bowie sein. Der Autor der David Bowie-Biographie Starman, Paul Trynka, schreibt, das Lied sei durch die Beziehung zwischen Iggy Pop und der Vietnamesin Kuelan Nguyen inspiriert worden. Dao Stroms Interpretation berührt mich mehr als beide 1977er-Versionen, auch mehr als die von Iggy! Allen experimentierfreudigen Musikliebhaber*innen sei Tender Revolutions also wärmstens ans Herz gelegt! Veröffentlicht auf Antiquated Future und Beacon Sound, beide Label sind mal wieder in Portland beheimatet.

Die Chicagoer Cellistin Lia Kohl hat im Juni diesen Jahres mit Zander Raymond, einem ebenfalls in Chicago beheimateten Künstler, das Album In Transit veröffentlicht. Ein gelungener Nachschlag zum For Translucence Album mit Whitney Johnson (erschienen März 2025 und besprochen in der terz vom Mai 2025). Lia Kohl haben wir ja schon ausführlich in der Mai-Ausgabe vorgestellt, darum jetzt noch ein paar Fakten zu Zander Raymond. Er ist nicht nur Musiker (Synthesizer, Akkordeon und Field Recordings) sondern auch ein Multimedia-Künstler. In seinem Studio arbeitet er mit gefundenen Teilen und sieht Bruchstücke und Trümmer als Ressourcen. Er arbeitet mit den Fundstücken und improvisiert mit dem, was gerade zur Hand ist. Das Cover-Artwork des Albums In Transit ist hierfür ein hervorragendes Beispiel. Beide Fotografien beschäftigen sich mit Alltagsgegenständen und integrieren alltägliche Lichteffekte. So wirkt auch das Album: „Unterwegs im Alltäglichen“. In Transit wirkt verspielter als das For Translucence Album, die Field Recordings und elektronischen Skills sind hier mehr im Vordergrund als bei der Zusammenarbeit von Lia und Whitney im März 25. Das französische Label Un Je-Ne-Sais-Quoi hat das Album veröffentlicht. Ein Besuch der Bandcamp-Seite lohnt hier auf jeden Fall, viele inspirierende Künstler*innen gibt es auch hier zu entdecken.

Die von mir geschätzte neuseeländische Pop- und Rockszene musste im November und Dezember leider innerhalb kürzester Zeit drei herbe Verluste hinnehmen.

Am 26.11. ist Anthony Nevison verstorben. Mitbesitzer und Techniker bei den Incubator Studios, ein Aufnahme-Studio in Aukland. Außerdem war er Gitarrist bei den Able Tasmans und den Headless Chickens.

Mike O‘Neill von The Screaming Meemees, These Wilding Ways und Produzent bei Liquidstudios raffte es am 04.12. hin.

Brent McLachlan, Schlagzeuger bei The Gordons, der Nachfolger Band Bailter Space und auch Techniker bei vielen NZ-Produktionen, verstarb am 11.12.

Die Able Tasmans, Headless Chickens, The Screaming Meemees, These Wilding Ways und The Gordons dürften nicht allen bekannt sein, Bailter Space vielleicht schon eher, waren diese doch mit ihren späteren Alben auf dem US-Label Matador und in der Indie-Szene doch recht erfolgreich.

Im nächsten Jahr wird es dann endlich das Flying Nun Records & NZ-Spezial geben, versprochen. Ist doch ein Besuch in NZ seit langen auf meiner persönlichen To-Do-Liste, vielleicht weil dies der von uns am weit entfernteste Punkt auf der Erdkugel ist.

Frohes Neues wünschen

Mrs. Cave und der Oberbilker

[1]  Ragana (litauisch und lettisch, „Hexe“) ist eine böswillige weibliche Figur – Hexe – in der baltischen Mythologie. Gewisse Eigenschaften verbindet sie mit der den Menschen eher wohlgesonnenen Lauma. In manchen Erzählungen vereinen sich ihre Verhaltensweisen in der Figur Lauma-Ragana. (Wikipedia)
[2]  Ekel Fakt: Der Name des Labels leitet sich vom Prozess des Häutens – dem Entfernen des Specks von Walen – ab, was Label Gründer Jonathan Tuite dem Roman Moby-Dick entnommen hat.
[3]  Seit 2019 nimmt das Label The Flenser am Roadburn Festival teil und sollte 2020 anlässlich seines zehnjährigen Bestehens sogar einen eigenen Showcase auf dem Festival kuratiereren, welches dann wegen der COVID-19-Pandemie abgesagt wurde.
[4]  Profound Lore Records ist ein kanadisches Independent Label, spezialisiert auf Extreme-Metal. Beheimatet in der Stadt New Hamburg.
[5]  Bellwitchen, persönliche Definition von: Den Wecker ausschalten und weiter schimmeln!
[6]  Definiert wird „Nihilismus“ in den gängigen Lexika kurz als Überzeugung von der Nichtigkeit und Sinnlosigkeit alles Seienden sowie als Verneinung aller Werte und Ziele.