TERZ 01.26 – NOISE OF ART
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„Ja, da kann man doch keinen Krieg mehr führen“, warf der Krämer Stelzinger ein und spöttelte zweiflerisch: „Geh, was du da nicht alles daherbringst ... Ich hab’ noch nichts in der Zeitung gelesen.“
„Tja, in der Zeitung!“ höhnte der Jodl: „Glaubst du, dass wir erfahren, was sie alles im Sinn haben.“
„Wer >sie“ fragte der Stelzinger.
„Naja, die Großen halt, die wo den Scheißkrieg gemacht haben!“ meinte der kecke Jodl.
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Oskar Maria Grafs Roman „Unruhe um einenXXX Friedfertigen“ (1947) wurde von Matti Geschonneck („Die Wannseekonferenz“) verfilmt und als Zweiteiler am 3. und 10. November 2025 vom ZDF ausgestrahlt, Titel: „Sturm kommt auf“ (weiterhin in der Mediathek abrufbar). Im Zentrum steht der Schuster Kraus. Still, arbeitsam und zurückgezogen lebt der Witwer in einer Ortschaft am Starnberger See. Der einzige Sohn hatte einst alles Ersparte entwendet und „nach Amerika“ rübergemacht. Der Schuster hat eine klare Haltung: Staat, Obrigkeit, Ämter und Amtspersonen sind für ihn nur ein einziger Schwindel. „Nur auf nichts einlassen“, ist seine Devise. Und: „Wie’s ist, ist’s … Was kann man da machen.“ Mit dieser Haltung steht er nicht allein. Die überwiegende Mehrheit im Dorf denkt so. Die wenigsten lasen die Zeitung genauer, „meistens interessierten sie nur die Begebenheiten in ihrem Landstrich, die Preise für Vieh und landwirtschaftliche Produkte, die sie daraus erfuhren, und vielleicht noch die jeweiligen neuen Steuern, über die dann jeder schimpfte.“ Diese Denkweise bereitet ein Terrain, auf dem der Terror der Freikorps und später der SA prächtig gedeihen kann. Resümierend heißt es am Ende des Romans: „Der Staat, die Regierung […] lag gewissermaßen weit weg von ihnen.“ Sie trauten diesem „nichts Gutes zu“, sie liebten und hassten es nicht, aber „sie fügten sich ihm stumpf und murrend.“ So glaubten sie wenigstens ihre Heimat frei zu halten vom Staat. Vor allem: „Jeder von ihnen dachte nur an sich und das, was unmittelbar damit zusammenhing. Darum blieben sie Millionen einzelne, mit denen jeder, der sie zielbewusst beherrschte, leichtes Spiel hatte.“
Im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen gibt es zuweilen Sternstunden. Diese Roman-Verfilmung ist eine solche. Josef Hader, der die Hauptrolle spielt, bekennt im zdf-Interview: „Ich bin so wie der Schuster im Grund ziemlich feig und gehe Konflikten aus dem Weg.“ Privat sei er eher harmoniebedürftig. Über den Schuster sagt er: „Mich hat interessiert, dass das eine Figur ist, die eigentlich ein halbes Leben lang verstecken möchte, wer sie ist.“ Aber im Laufe der Zeit entwickle er „dann diesen Trotz, der immer mehr dazu führt, dass er der wird, der er eigentlich ist.“
Matti Geschonneck hat den Roman als eine Art, wie er sagt, „Voralpenwestern“ verfilmt: „Da ist der Opportunist, da ist der Verräter, da ist der Gute, der Böse, der Kommunist, der Nazi.“ Er hat es aber bewusst vermieden, die fast 500 Romanseiten auf zweimal eineinhalb Stunden Sendezeit einzudampfen. Stattdessen setzt er Spots auf zwei Zeitabschnitte. In Teil I: Das brutale Walten der Freikorps 1918/19; in Teil II: der Terror der SA 1932/33. Dadurch gewinnt die Verfilmung Dichte und Intensität. Der Zweiteiler wirkt sozusagen wie ein Trailer zu einer vertiefenden Lektüre. Es ist gerade die große Lücke zwischen 1919 und 1932, die Interesse für den kompletten Roman weckt. In diesem findet sich das Beziehungsgeflecht zwischen den Menschen, dem Dorf, den Behörden, der Politik weitaus komplexer entfaltet, verpackt in eine mit einfachen Worten erzählte Dorfgeschichte. Das Schnörkellose, Nicht-Artifizielle ist bei Graf Programm. Der große Fehler in der Weimarer Republik, so glaubt Graf, sei gewesen, dass Schriftsteller sich schämten, „einfach zu schreiben, einfach zu denken, um nur ja nicht von den Geistigen als halbwertig angesehen zu werden.“ Das Fatale: „Wir verrieten das Gute und die Vernunft tausendmal und darum konnte Hitler das Volk so leicht in die Hand bekommen.“ Ein „Heimatdichter“ hatte Graf aber nie sein wollen. Ihn habe ein „kaltes Grauen“ überfallen, „wenn ich mir ausmalte, etwa wie Thoma zum allbeliebten bayrischen Nationaldichter aufzusteigen.“ Auf die Bücherverbrennung im Mai 1933 reagierte Graf bekanntlich mit dem Aufruf „Verbrennt mich!“, da einige seiner Bücher auf einer von den Nazis empfohlenen Liste aufgetaucht waren. Graf protestierte, er habe diese „Schmach“ nicht verdient, von den Nazis empfohlen zu werden. Kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs ging er von dort in die Tschechoslowakei, schließlich 1938 nach New York, wo er 1967 starb. Nach 1945 hatte Graf noch einmal unmissverständlich zu verstehen gegeben: „Das Bayrische war nur eine Hälfte von mir, die andere unterschied sich sehr gründlich davon.“
Oskar Maria Graf, der bereits als Kind in der elterlichen Backstube mitarbeiten musste, war von seinem ältesten Bruder Max „der Glaube an das Menschliche im Menschen herausgeprügelt“ worden. Der Autor stellte 1960 klar: „Ich war nie Parteisozialist … Mir ist – um mit Gorki zu reden – mein Sozialismus von Kind an auf den Rücken geprügelt worden!“ Dies habe ihn „gleichsam instinktiv und zwangsläufig – zum Rebellen gemacht.“ In „Unruhe um einen Friedfertigen“ trägt die Figur des Silvan jun. unverkennbar Charakterzüge von Max, über den es in Grafs Büchlein „Mitmenschen“ heißt: „Inzwischen war Max vom Militär heimgekommen […]. Er war ein völlig stumpfsinniger, unnachgiebiger Grobian geworden und duldete keinen zwecklosen Menschen im Hause. Es gab gefährliche Streitigkeiten zwischen ihm und Vater. Sie wurden giftige unversöhnliche Feinde. Trist, düster und böse wurde es nach und nach im Hause.“
„Mitmenschen“ stellt eine wichtige Ergänzung zu „Unruhe um einen Friedfertigen“ dar. Es zeigt, dass die Romanfiguren zwar fiktiv sind, deren Charakterzüge aber nach real existierenden Menschen in Berg und Grafs weitläufiger Familie gestaltet sind. „Mitmenschen“ ist eine Sammlung von Geschichten über wirkliche Personen aus Berg und der Umgebung. Im zweiten Teil finden sich „Menschen aus der Stadt und der weiten Welt“ beschrieben. Dies Büchlein war 1950, also drei Jahre nach dem Roman, zunächst im New YXXXorker Aurora-Verlag erschienen, wurde im gleichen Jahr vom ostdeutschen „Aufbau“-Verlag in einer Auflage von 10.000 Exemplaren nachgedruckt. Zwar hatte es parallel dazu auch Verhandlungen mit einem westdeutschen Verlag gegeben. Doch der machte einen Rückzieher, so dass „Mitmenschen“ erst 70 Jahre später 2015 offiziell in westdeutsche Buchläden kam. Grafs Witwe vermutete, dass Graf verübelt wurde, dass er seine Werke auch in der DDR verlegen ließ.
„Mitmenschen“ zeigt: Das Landleben ist kein Ponyhof. Graf macht dies gleich mit der ersten Geschichte klar, die er seiner Base, der „Schwabrucker-Marie“, widmet. Diese habe „ihr Lebtag keinen Feind gehabt“, und das wolle viel heißen in einer Gegend, wo die Menschen „juchtenzäh an ihrem Vorteil hängen und wegen ihrer verschlagenen Habgier, ihrer stockigen Abgeschlossenheit fast gefürchtet sind.“ In der Münsinger Gegend kursiere ein Spottvers: „Vor die Münsinger nimm dich in acht,/ die haben schon Leut weg’n einem Pfennig/ um’bracht.“ Kinder prozessieren, wenn’s um den Hof geht, dort gegen die eigenen Eltern. Das Prozessieren ginge so lange „bis endlich der schwächere Teil sich zermürbt in sein Geschick fügt oder eben – stirbt.“
Die Bauernfamilie – einträchtig um den derben Eichentisch sitzend. Dieses Bayernbild, von den Nazis in unzähligen Ölschinken verbreitet, sitzt vielfach noch heute in den Köpfen. Bei Recherchen zu diesem Artikel stieß ich auf die Ankündigung einer Lesung aus „Unruhe um einen Friedfertigen“ von 2020. Da heißt es: „Das unmenschliche Spiel des Hasses und der Gewalt bricht in die heile Welt des beschaulichen Dorfes Auffing ein.“ Das ist ungefähr das genaue Gegenteil von dem, was der Roman erzählt. Denn „heile Welt“ und „beschaulich“ ist da nichts. Graf schildert vielmehr, wie die im Dorf grassierende Gewalt, gegenseitiger Neid und Hass verhindern, dass eine effektive Gegenwehr gegen die zunächst nur vereinzelt auftretenden Nazis zustandekommt.
Sollte es nicht Aufgabe einer Rezension sein, die Verfilmung mit der Romanvorlage zu vergleichen? Stattdessen wird der Zweiteiler in Besprechungen meist nur nacherzählt. Zudem oft falsch. Da heißt es, der Film begänne wie der Roman mit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Tatsächlich setzt die Romanhandlung aber bereits vor 1914 ein. In keiner Rezension, die ich fand, wird erwähnt, dass am Ende der Verfilmung eine wichtige Szene fehlt. In dieser liegt der im Dorf als „Roter“ verschriene Ludwig von der SA streng bewacht im Krankenhaus. Schergen in SA-Uniform kommen ihn holen. Wie sich dann rausstellt, ist es eine Widerstandsgruppe, die in dieser Verkleidung Ludwig befreit und über die Grenze bringt, von wo er in die USA emigriert. Hätte es im Dorf rechtzeitig genügend Menschen mit der Entschlusskraft und Konsequenz dieser Gruppe gegeben, so macht der Roman klar, hätte der Aufstieg von SA und Nazis nicht so reibungslos vonstattengehen können. Allzuoft wird der Zweiteiler als „eindringlich und beklemmend“ beschrieben. Die vom Evangelischen Pressedienst ins Netz gestellte Rezension ist eine der wenigen, welche die Quintessenz des Romans auf den Punkt bringt: Der Film zeige, dass der Aufstieg der Nazis „kein Naturgeschehen, kein Zwangsablauf“ gewesen sei, sondern „die Folge von Entscheidungen und dem Nicht-Handeln eines jeden.“
Neben dem ZDF-Zweiteiler ist „Ein Oskar für Bayern“ (BR, 44 min; ARD-Mediathek) unbedingt sehenswert. In dieser Doku kommen die unterschiedlichsten Stimmen zu Wort. Angefangen von Luise Kinseher und Konstantin Wecker über Sepp Bierbichler, Gerhard Polt, Katerina Jacob bis hin zu Maurus Graf, einem älteren Bruder von Oskar, den Wellbrüdern und Peter Gauweiler.
Vor allem aber gilt: Wieder Graf lesen! Dessen Buchproduktion war enorm. Er gilt als einer der Produktivsten in seiner Generation. Als sein wichtigstes Werk bezeichnete er „Das Leben meiner Mutter.“ Dies ist nicht lediglich ein Porträt der Mutter, sondern Graf entfaltet hier ein Panorama ihrer und ihres Mannes weitverzweigten Familie, des Dorfes und der ganzen Epoche bis zum Jahr 1934, als er in Moskau vom Tod der Mutter erfährt. Als sein zweitwichtigstes Werk klassifizierte Graf die autobiographische Schrift „Wir sind Gefangene“, eine Beschreibung seines Lebens von der Kindheit bis zur Novemberrevolution in München. Von der Kriegsbegeisterung im Jahr 1914 zeigte er sich entsetzt: „Wo waren sie alle hin, die mich gelehrt hatten, dass ein Anarchist dem Staat auf keinen Fall dienen darf, dass er vor allem jeden Militär- und Kriegsdienst verweigern muß?“ Genauso scharf wie mit sich selbst geht er hier mit den politischen Akteuren von 1918/19 ins Gericht: „Diese Münchner Revolution war ein Gaudium für ihre Gegner. Sie war langweilig, sie war harmlos, sie war unerträglich. Sie war eine Posse, und noch dazu eine schlechte.“ Das Buch ist sozusagen eine Black Box. Wir können die von Graf akribisch aufgezeichneten Ereignisse und Erlebnisse auslesen und anhand dieser genau analysieren, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Wie schrieb doch einst Heinrich Heine? „Eine Revolution ist ein großes Unglück, aber ein noch größeres Unglück ist eine verunglückte Revolution.“
Thomas Giese
„Sturm kommt auf“, 1. und 2. Teil; ZDF-Mediathek https://mediathekviewweb.de/#query=sturm%20kommt%20auf%20historischer%20zweiteiler
„Ein Oskar für Bayern“(BR); ARD-Mediathek https://mediathekviewweb.de/#query=Ein%20Oskar%20f%C3%BCr%20Bayern
„Unruhe um einen Friedfertigen“; Ullstein 14,99 €
„Mitmenschen“; Allitera, 16,90 €
„Wir sind Gefangene“; Ullstein, 14,99 €