Mädels*, zieht die Hosen an!

Internationaler Frauentag 2013

Endlich! Seit dem 31. Januar dürfen die Pariser Frauen* ohne polizeiliche Erlaubnis in Hosen auf die Straße gehen! Was albern klingt, ist leider wahr: Während der Französischen Revolution sollte das Hosenverbot verhindern, dass sich Frauen in "Männerkleidung" unter die Kämpfenden mischten. Erst jetzt wurde der gut 200 Jahre alte Erlass endgültig Geschichte. Eigentlich ein Grund zum Schmunzeln.

Leider bleibt einer* bei den Medienreaktionen die Spucke weg: Der Nachrichten-Dienst "msn" garniert die Neuigkeit aus Paris mit einer Fotostrecke über französische Schauspielerinnen in entsprechend ‚anziehenden‘ Hosen und textet: "Was für ein Verbrechen wäre es auch gewesen, wenn uns Schauspielerin Marion Contillard in diesem hinreißenden Einteiler entgangen wäre?" Die "Augsburger Allgemeine Zeitung" bebildert einen Artikel zur "Sensation in Frankreich" mit dem Foto eines Hinterns in durchsichtigen Hotpants. Und Leser "Tom Tinte" freut sich in seinem Kommentar: "Wenn ich mir das Bild so ansehe, hat die Gleichberechtigung Hosen tragen zu dürfen doch ab und zu etwas Positives." – Mon dieu!

Diese und andere Nachrichten der letzten Wochen im Hinterkopf, bekommen wir doch gleich Lust, die müden Waden in ein Beinkleid zu stecken und zum Weltfrauentag am zweiten Märzwochenende mal wieder vor dir Tür zu treten.

Denn das Hosenverbot war nicht das einzige skurrile Fossil aus der Vergangenheit, über das sich Feminist*innen in den letzten Wochen wundern konnten. Von vor-vorgestern ist das Verständnis mancher Zeitgenoss*innen über das Wesen eines Kompliments. Rainer Brüderles vermeintlich dahin gekalauerte, grenzüberschreitende Dirndl-Anmache beispielsweise. Als wäre dessen Auftritt nicht schon peinlich genug gewesen, mochte mensch angesichts mancher Kommentare vor Fremdscham im Erdboden versinken. Sehr begrüßenswert etwa fand FDP-Sonne Christian Lindner die nun einsetzende "sogenannte Sexismus-Debatte", denn schließlich gelte es über Frauen nachzudenken, die "sich belästigt fühlen" und Männern aus ihrer "Verhaltensunsicherheit" gegenüber Frauen heraus zu helfen. Der Kieler FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki erklärte dem Spiegel gut gelaunt: "Ich bin dagegen, dass wir unser Leben in ein Korsett von Regeln pressen. Ich flirte leidenschaftlich gern." Aha. Ob Kubicki es wohl auch goutieren würde, wenn frau* angesichts eines derart bescheuerten Beitrags jegliches Korsett von sich schleuderte und ihn als einen ausgemachten Vollidioten bezeichnete? Wir wählen gerne klare Worte, leidenschaftlich gern! Insgesamt jagte in der Debatte ein Klischee das nächste. Männer sind eben so und Frauen eben so. Dass das quasi genetisch bedingt ist, wissen wir spätestens seit Mario Barth.

So verlaufen die Debatten über Geschlechterverhältnisse also weiterhin entlang jener vermeintlich körperlichen Unterscheidungsmerkmale, die mit oder ohne die sie kleidenden Dirndl oder Lederhosen nicht erst seit gestern ziemlich ‚out of fashion‘ sind. Nun ja, mühsam nährt sich das Eichhörnchen, und letztendlich hat die Diskussion ja auch ihr Gutes: Der twitter-hashtag "Aufschrei" ist Empowerment, wie wir es lieben: Sexistische Erfahrungen werden öffentlich gemacht und miteinander geteilt. Statt mit dem Frust nach einer doofen Anmache, dem Ärger, als Spaßverderberin zu gelten oder wieder auf die Optik reduziert worden zu sein, allein zu bleiben: Gemeinsames Gebrüll. Das ist solidarisch und macht stark. Und Stärke kann Frau* gerade gut brauchen.

Zum Beispiel um Kristina Schröder zu ertragen, die im letzten Jahr einen frauenpolitischen Knieschuss nach dem nächsten landete. Natürlich sind wir ihr schon mit einer nicht zu unterbietenden Erwartungshaltung begegnet, das geben wir zu. Immerhin sagt Schröder von sich, dass sie schon als Abiturientin sicher gewesen sei, niemals Feministin werden zu wollen. Wozu auch, schließlich hatte sie doch in der Schule schon sehr genau gewusst, dass Simone de Beauvoir mit ihrem Verständnis von ‚gemachter‘ Weiblichkeit nur auf dem Holzweg sein könne. Statt Feministin wurde Schröder lieber Ministerin für Familie und Frauen. Ihre Publikation, in der sie als Frauenministerin erklärt, warum es keine Frauenpolitik braucht, hat uns dann allerdings doch ratlos gemacht. Frönt Schröder doch erneut ihrem Lieblingsthema, dem "Hufeisenmodell". Diesmal darf‘s anstatt Totalitarismus-Doktrin und "Deutscher Kartoffel" mal die "Frauenfrage" sein: Zwischen Strukturkonservativen wie Eva Herman und "Weltanschauungsfeministinnen", die für die Ministerin freilich nur aus Alice Schwarzer und Bascha Mika bestehen, vermag sie keinen Unterschied zu erkennen. Beide seien am Ende gegen freie Selbstbestimmung. Vor allem die Emanzen in lila Latzhosen wollten in ihrem feministischen Beißreflex in erster Linie eins: "Emanzipation predigen, aber Bevormundung ausüben". Zur Erinnerung: Vor nicht allzu langer Zeit räsonierte Schröder noch über die "Rassismuskeule", mit der es "den Deutschen" immer dann ans Leder ginge, wenn sich Migrant*innen einen Vorteil auf Schulhöfen, im Berufsleben und sonstwo verschaffen wollten. Und im Feminismus läuft das, zumindest im Ministerinnen-Hirn, genauso: "Man darf die Warnung vor der Degradierung der Frau zum Objekt männlicher Sexualität wohl getrost vor allem als raffinierte Form feministischer Herrschaftssicherung im öffentlichen Diskurs interpretieren." Und überhaupt: Was Frau Schröder den Emanzen wirklich übel nimmt, ist, dass sie "den Frauen" auf dem Weg zu ihrer Bestimmung im Wege stehen. Was Frauen wollen, aber nicht freiwillig und unbedrängt dürfen, ist doch so simpel: Ein beherztes Bekenntnis zur Reproduktion! Zurück zur Natur! Frau sein, heiße privat sein dürfen. Frauenpolitik also: Überflüssig. Da ist sich Kristina Schröder erstaunlich einig mit ihrem Namensvetter Gerhard von der SPD, der Frauenpolitik schon vor Jahren als "Gedöns" abtat.

Wobei es unfair wäre zu behaupten, Kristina Schröder hätte außer einem Buch nichts für Frauen* auf die Reihe bekommen. Im Gegenteil: Wer von uns will schon einen dieser rechtlich zwar zugesicherten, aber real nicht existenten Kitaplätze für ihr Balg? Sind wird blöd? Statt uns als unterbezahlte Teilzeitkraft am Arbeitsplatz sexuell belästigen zu lassen, bleiben wir doch lieber zu Hause am Herd! Die Hausfrauenehe hat schon unseren Müttern nicht geschadet, und wir finden es nur gut und richtig, dass Frau Schröder all diese CDU-Wählerinnen endlich angemessen honoriert, statt sich an feministischem Fanatismus wie "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" abzuarbeiten. Müssten wir die 100,- Eur. Betreuungsgeld nicht sparen um frauenspezifischer Altersarmut zu entgehen – wir würden sie glatt darauf verwetten, dass deutsche Vorstände und Aufsichtsräte aus lauter freiwilliger Selbstverpflichtung die Frauenquote einführen! Vielleicht sollten wir den Papstrücktritt in diese Richtung interpretieren?

Derlei Vorzeitiges quer durch die sogenannte politische Mitte lässt sich bisweilen nur mit Humor ertragen. Was aber wirklich gar nicht mehr lustig ist, ist der Tonfall, in dem hiesige Medien über die tödliche Vergewaltigung einer indischen Studentin berichteten. Der Blick auf den Subkontinent, auf dem es vermeintlich an Zivilisation mangelt und wohin die Moderne erst noch mühsam importiert werden muss, war überwiegend rassistisch und imperial geprägt. Sexuelle Gewalt in der eigenen Gesellschaft war indes so lange kein Thema, bis die Betroffenen selbst darüber twitterten. Ebenso wenig fand der Skandal um den Frauenverband Courage e.V. Erwähnung, einer Wuppertaler Organisation, die seit Jahrzehnten Frauen* in Krisensituationen Ansprechpartnerin ist. Ihr wurde im Januar 2013 die Gemeinnützigkeit aberkannt, weil der Verfassungsschutz den Verein in die Nähe "linksextremer" Gruppen gerückt hatte. Die Einschätzung des VS, der seit dem Bekanntwerden seiner Rolle in der Mordserie der NSU nicht nur als nutzlos, sondern als gefährlich eingestuft werden muss, sorgt also dafür, dass Frauen* eine Anlaufstelle weggenommen wird. Wer hat‘s erfunden? Kristina Schröder. Markenname? Extremismusklausel.

Extrem? Ja, dazu passt der aktuelle Fall der beiden katholischen Krankenhäuser in Köln, die eine vergewaltige Frau abwiesen, als sie um die "Pille danach" bat. Wie der Spiegel berichtete, versuchen schon seit Oktober 2011 fundamentalistische Christ*innen, die sich als "Lebensschützer" verstehen, Druck auf Mitarbeiter*innen katholischer Krankenhäuser auszuüben, die es mit der kirchlichen Doppelmoral nicht so genau nehmen. Das ist so widerlich, dass nicht einmal mehr angemessen lachen kann, wer Kardinal Meisner in bestem Betroffenen-Wissen über die Wirkungsweise der "Pille danach" rätseln hört.

Ladies* und Gentlemen*, ihr seht, die Welt ist schlecht. Wer wie wir seinem/ihrem Unmut Luft machen und dem reaktionären Christenpack stellvertretend für all die anderen Fritten einen mit dem Schlappen überbraten möchte (rein symbolisch natürlich): Eine hervorragende Gelegenheit ergibt sich am 9. März 2013 in Münster. Am Samstag nach dem Weltfrauentag geht es dort anlässlich eines von fundamentalistischen Abtreibungsgegner*innen initiierten "Marsch für das Leben" mit einer feministischen Demo auf die Straße (Infos zur gemeinsamen Anreise ab Ddorf auf Seite 27). Halten wir‘s also wie die revolutionären Frauen von 1792, die in Paris lauthals sangen: "Wie die Männer gekleidet marschieren wir, die Despoten zu bezwingen." Mädels*, zieht die Hosen an!

gruppe_f

Weitere Infos: gruppe_f auf facebook
Und noch eine großartige Song-Bombe beim Demonstrieren gegen ProLife:
www.youtube.com/watch?v=2Jxw3Pw0yo0