Flora Tristan oder Der Traum vom feministischen Sozialismus

1844 schickt Flora Tristan einer Weggefährtin eine Literaturliste zum „Studium des Sozialismus“ und gibt ihrer Freundin dabei folgenden Tipp: „Bei einer ernsthaften Lektüre muss man immer Notizen in einem kleinen Heft machen, (…) zusätzlich (…) muss man selber ein Résumé fertigen, in großen Zügen, aber auch präzis, exakt, um in wenigen Worten sagen zu können, welchen Geistes das Buch ist.“

Geht man Tristans eigene Texte auf diese Weise an, lesen sich die Notizen dazu wie aus einem Abenteuerroman: Verlässt gewältige, der aus Rache auf sie schießt, überlebt - begibt sich allein auf vier Monate lange Schiffsreise nach Peru - fordert dort ihr Erbe von geizigem Onkel – schreibt aufrüttelnde Reportagen über Frauen in Peru - recherchiert im Londoner Milieu über Prostitution – kämpft für freie Liebe, für das Recht auf Scheidung und Emanzipation – reist für ihre Idee einer Arbeiterunion quer durch Frankreich … es wundert bei diesem selbstbestimmten Frauenleben voller ungewöhnlicher Erfahrungen und mutiger Kämpfe kaum, dass Flora Tristan in ihrem Tagebuch notierte: „Ich lebe zu viel.“

Florence Hervè macht es als Herausgeberin ihren Leser*innen leicht, Flora Tristans Leben in den politischen und ideengeschichtlichen Wirren des 19. Jahrhunderts zu verfolgen. In einer knapp 20-seitigen Einleitung liefert die promovierte Germanistin den nötigen Background, um die Erlebnisse ihrer Protagonistin verstehen und in das historische Geschehen einordnen zu können. Hervè charakterisiert Tristan gemäß der Quellen und verzichtet darauf, diese vielseitige Persönlichkeit in eine Schublade stecken zu wollen. Stattdessen fasst sie auf einer Seite gelungenen zusammen, was an Tristan fasziniert, aber auch, mit welchen Widersprüchen sie lebte. Danach folgen Tristans eigene Texte, eine Sammlung von Briefen, Aufsätzen und Tagebucheinträgen. In einem weiteren Teil finden sich Texte von Zeitgenoss*innen, die Tristan kennen gelernt haben und diese Begegnungen so eindrucksvoll erlebten, dass sie diese festhielten. Darunter sind zum Beispiel Berichte von Clara Zetkin oder Paul Gauguin. Hervè ergänzt diese perspektivreiche Quellensammlung mit biografischen Angaben und einem umfangreichen Literatur – und Quellenverzeichnis, das neben französischen und deutschen Titeln auch Filme und Videos aufführt.

Hervé, Florence (Hg.):
Flora Tristan oder: Der Traum vom feministischen Sozialismus,
Karl Dietz Verlag, Berlin 2013


Veranstaltung:
Sonntag, 21.04.13, 11:00 Uhr, ZAKK (Halle), 7,50 EUR inkl. kl. Frühstück
Heinrich-Heine-Salon-Matinee:
MATINEE: FLORA TRISTAN – DER TRAUM VOM FEMINISTISCHEN SOZIALISMUS
Die französisch-peruanische Autorin, Journalistin, Rednerin, Kulturvermittlerin und Internationalistin, die sich von einer Paria zu einer politischen Propagandistin entwickelte, begründete theoretische Vereinigung von Feminismus und Sozialismus. Vorgestellt von Dr. Florence Hervé.
Veranstalter: Heinrich-Heine-Salon e.V.
www.heine-salon.de