"Kolloquium in Utero"

oder

Warum eine Fruchtblase politisch ist.

An einem höllisch verregneten Samstag im März – dem bis auf Weiteres ersten und letzten Papst-freien Wochenende dieses Jahrzehnts – zogen an die 80 fundamentalistische Christ*innen durch die Innenstadt von Münster. Mit ihrem "Marsch für das Leben" huldigten sie der ‚Heiligkeit‘ der Leibesfrüchtchen und dem heiligen Gral des von Gott gelenkten Mutterleibes. Ihre erklärten Lieblingsfeind*innen: All jene, die das Selbstbestimmungsrecht über ihre Körper gegen den Zugriff von Staat und Kirche verteidigen. Und so trafen die von "EuroProLife" aufgerufenen "Lebenschützer*innen" auch auf den lautstarken Protest hunderter Demonstrant*innen, die schon am Vormittag des selben Tages Münsters Einkaufsstraßen zu nutzen wussten: für ein selbstbestimmtes Leben und eine herrschaftsfreie, solidarische Gesellschaft.

Wer den Tag in Münster aus der Vogelperspektive Revue passieren lässt, hat Skurriles zu berichten. Am Vormittag gehörten die Straßen Münsters ausnahmsweise nicht allein den konsumwilligen Samstags-Einkäufer*innen. Vielmehr sahen diese eine bunte Schar wetterfester Menschen durch die Fußgängerzone spazieren, die mit selbstbestrickten Pussy-Riot-Transparenten, mit viel Pink und Lila und in angenehm gemischtem Chor-Gebrüll klarmachten, dass sie nicht damit einverstanden sind, wenn sich Staat und Kirche immer noch in das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper einmischen. Und es blieb nicht allein bei "PRO CHOICE – FÜR DAS RECHT AUF SCHWANGERSCHAFTSABBRUCH" und "MEIN KÖRPER GEHÖRT MIR" – Forderungen, die die Abschaffung des § 218 im Blick haben und so eine klare Gegenposition zum "Marsch" der "Lebensschützer*innen" bezogen. Zu dem war es auch das gleiche Anliegen, das schon Kurt Tucholsky im März 1932 in der Zeitschrift "Weltbühne" als "Kolloquium in Utero" seinen sprechenden "Leibesfrüchtchen" in den Mund legte: Denn in Tucholskys Text antwortet eines von "zwei Stück Zwillingen" an "einem trüben Herbsttag im Mutterleib" auf die Frage seines Geschwisters, warum es unbedingt geboren werden wolle: "Weil es unsre Pflicht ist. Weil wir heraus müssen. Weil im Kirchenblatt für den Sprengel Rottenburg und Umgegend steht: Das Leben im Mutterleib ist heilig. Lieber zehn Kinder auf dem Kissen als eines auf dem Gewissen, steht da. Und die Präservativ-Automaten sind auch aufgehoben. Wir stehen, mein Lieber, unter dem Schutz der Staatsanwaltschaft und der Kirche!". "Draußen?", fragt sein Mitbewohner, erwidert: "Nö, draußen nicht. Bloß drin."

"Für ein würdiges Leben!" – mag hier, 1932 wie 2013, die Übersetzung sein, die letztlich auch in Münster zum Ausdruck kam. Wo wurden auch an diesem Samstag im März 2013 Fragen der Reproduktion einer feministischen Kritik unterzogen, die zugleich emanzipatorische Ansätze und herrschaftsfreie Gesellschaftsstrukturen jenseits vermeintlicher Geschlechtergrenzen dagegensetzte.

Kreuzgänge

Die Passantinnen und Passanten staunten hier indes nicht schlecht, als am frühen Nachmittag eine überschaubare Gruppe blasser Menschen mit der Leidensmiene des Gekreuzigten durch eben jene Straßen schwankte, die nur wenige Stunden zuvor mit Nina Hagens "Unbeschreiblich weiblich" fröhlich und kämpferisch beschallt worden waren. Wie im Jahr zuvor boten auch an diesem Samstag die Reihen der fundamentalistischen Christ*innen einen gar gruseligen Anblick. Laut betend trugen Senior*innen wie – erstaunlich viele – Menschen jüngeren oder mittleren Alters weiße Holzkreuze, Heiligen-Ikonen oder das Bild ihres ‚Helden‘, des Münsteraner Bischofs und strammen Antikommunisten Clemens August Kardinal Graf von Galen, vor sich her, stets liebevoll behütet von zwei Hundertschaften der Polizei. In all seiner fürsorglichen Umarmung konnte deren Einsatz allerdings kaum verhindern, dass sich die Demonstrant*innen des Vormittags an allen Ecken und Enden der "Marsch"-Route einen Spaß daraus machten, das feierlich-sakrale Gemurmel der selbsternannten "Lebensschützer*innen" beherzt zu stören, wo es nur ging. Unvergessen wird der Einsatz einer ausdauernden Vuvuzela-Spielerin bleiben, die, mit Gummistiefeln die Wasser des Münsteraner Flüsschens Aa überschreitend, unter einer Brücke mit feinstem Echo-Effekt eine Opfer-Zeremonie der Christ*innen übertrötete.

Von sehr weit oben gesehen, und vielleicht gerade von dort aus, lässt sich mit schneller Feder eine zunächst eindeutige Bilanz dieses denkwürdigen, papstlosen Wochenendes in Münster ziehen: Die fundamentalistischen Christ*innen waren diesmal nicht nur in Unterzahl und sprichwörtlich "von gestern": Sie waren auch zu spät! Denn die feministische Straßenveranstaltung des Vormittages, die von den Veranstalter*innen bewusst – und erfolgreich – nicht als Gegendemonstration konzipiert war, hatte sich schon Stunden zuvor mit erfreulich vielen, gut gelaunten Teilnehmer*innen den öffentlichen Raum angeeignet und diesen gewissermaßen für das nachfolgende Gruselkabinett präpariert. Wer an diesem Tag in der Stadt unterwegs war, konnte kaum im Unwissen darüber bleiben, dass mit den "Lebensschützer*innen" sehr merkwürdige Gestalten fragwürdige Botschaften in die Stadt tragen würden. Und nicht nur das: Auch die Forderungen und Ansätze der feministischen Streiter*innen für ein selbstbestimmtes Leben und eine herrschaftsfreie Gesellschaft waren früher da! Mit Redebeiträgen etwa zur Forderung nach Abschaffung des § 218 oder zur Religionskritik und der dazu passenden musikalischen Untermalung besetzte die feministische Demonstration die Straßen eindeutig nachhaltig. Und wer bitte mochte sich auf dem Prinzipalmarkt dem Wippen der rund 500 Paar nass-kalter Füße entziehen, die zu Monty Pythons "Always look on the bright side of life" über Kopfsteinpflaster und Pfützen steppten? In diesen und ähnlichen Momenten war es pure Freude, die Passant*innen neugierig Transparente beäugen, pfeifen, grinsen und sogar mitsingen zu sehen. Und auch das ist ein Punkt, der den Vormittag in Münster in positiver Erinnerung bleiben lässt: Weit entfernt davon, als niedlich-pinke "Demo light" abgetan werden zu können – dafür waren zu viele Teilnehmer*innen und zu zahlreiche Uniformierte zugleich anwesend –, war die Stimmung überwiegend heiter und aufgeschlossen kämpferisch. Ein guter Ausgangspunkt, um skeptische Menschen zu informieren und vielleicht auch zu überzeugen.

Zugleich machte "unser Tag in Münster" (gruppe_f war vor Ort) nicht zum ersten oder wohl auch nicht zum letzten Mal ein Dilemma deutlich, zu dem mensch sich so wunderbar im Kreis drehen kann: Hätte die Veranstaltung am Morgen nicht so viel Krach geschlagen, wären die vermeintlichen "Klerikal-Verrückten" des Nachmittages vielleicht ohne jede Beachtung geblieben? Übernehmen nicht linke Initiativen und Aktionen hier wie andernorts unfreiwillig die "PR-Arbeit" für jene, gegen die sie sich stark machen? Sollte mensch derart aufwändige "Öffentlichkeitsarbeit" nicht besser lassen, wenn sie doch unter Umständen nur der Gegenseite zu nutzen scheint? Wie in vielen sehr ähnlichen Situationen bleibt hier vor allem der Vorteil des Aktionismus: Das Heft in der Hand halten ist immer besser, als hinterherzutapsen. Machen wir unsere Diskurse und unsere Diskussionen lieber selbst, anstatt sie uns diktieren zu lassen! Ermächtigung statt ohnmächtiges Staunen – gerade dort, wo doch dank der vielen Gesichter des Alltags-Sexismus von Herdprämie bis Mütter-Rente nur allzu häufig immer noch davon ausgegangen wird, dass Frauen* brav-angepasst und fein-lenkbar zu halten sind. Statt dessen lieber ganz klar: Gut gebrüllt, Löwinnen!

It‘s only Feminism?

Und damit wären wir auch mittenmang in einem weiteren, bedenkenswerten Aspekt der Wirkungsanalyse: Wo bitte, mag manche*r denken, bleibt die breitere Relevanz von feministischem Aktionismus, wenn er sich, wie in Münster, nur dort zeigt, wo es um scheinbar individualisierende Themen wie "Mein Bauch gehört mir" oder um vordergründig Verrückte wie die Anhänger*innen von "ProLife" geht? Und was hat das alles überhaupt mit emanzipatorischen, linksradikalen Antworten auf Faschismus hier, Krise dort und Krieg überall zu tun? Nun, wer glaubt, ein bisschen Vuvuzela gegen fundamentalistische Christ*innen sei eben nur ein bisschen Vuvuzela gegen fundamentalistische Christ*innen, täuscht sich – und das gewaltig. Und auch der Eindruck, mensch habe es bei den "Lebensschützer*innen" ausschließlich mit weltfremden, verhuschten Gestalten zu tun, irrt sich mitunter ganz empfindlich. Nicht erst der Blick auf die rechtsradikale Internet-Plattform "Politically Incorrect" zeigt dies deutlich. Bereits die Tatsache, dass das Thema "Lebensschutz" offenbar zum Aufhänger für völkische Phantasien vom Aussterben des deutschen Volkes nutzbar zu machen ist – wie die lebhaften Kommentare zum Artikel über den "Marsch für das Leben" dokumentieren –, lässt aufmerken. Bemerkenswert ist auch, mit welcher Vehemenz sich Autor und Kommentierende in den "PI-news" darüber auslassen, wie wenig sich der Staat schützend für die freie Meinungsäußerung einsetze. Im Stile Thilo Sarrazins wird hier ein "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" abgefeiert. Der Autor und seine kommentierenden Claqueure*innen zeigen sich regelrecht empört über das "Armutszeugnis" des Staates, der in Münster "vor anarchischen [sic] Gruppen ein[ge]knickt" sei. Von unterdrückter Meinungsfreiheit ist hier ebenso die Rede wie von "Christenverfolgung". Und für andere ist "der Feminismus" gar ein "trojanisches Pferd des Kommunismus". Der Dank der PI-Community gebühre schließlich auch dem mutigen Autor, der die "starken Nerven" besessen habe, Teilnehmer*innen der feministischen Demo zu fotografieren, wo es doch so viel leichter gewesen wäre, "jedem einzelnen dieser verkommenen Lappen an den sozialistischen Hals" zu gehen, anstatt zu beten. … Zu beten?! Ja tatsächlich, der Herr Autor, den zu treffen gruppe_f das zweifelhafte Vergnügen hatte, ging mittendrin im "Marsch für das Leben". Die Wackel-Videos von PI-news zeigen den "1000-Kreuze-Marsch" nicht etwa von außen – nein, nein, die Innenperspektive ist‘s, die wenig Zweifel daran lässt, wie anschmiegsam sich christlicher Fundamentalismus und völkisch-nationalistische Volksgemeinschaftsideale zueinander verhalten können. Das zeigt auch die schon 1991 vom Autor*innen-Kollektiv "Frauen gegen § 218" veröffentlichte Broschüre "Vorsicht Lebensschützer". Und nicht von ungefähr heißt die aus dem Kreis von "apabiz e. V." herausgegebene Textsammlung zu christlichen Fundamentalist*innen, Lebensschützer*innen und neurechtem Antifeminismus "Deutschland treibt sich ab!" (erscheint Mai 2013). Wer noch Zweifel daran hatte, dass es sich bei "EuroProlife" und Konsorten um mehr als apolitische Sektierer*innen handelt, wird sich spätestens hier informieren können. Klar und deutlich ist indes: die Mitte ist‘s, die die Bestie Faschismus füttert. Und insofern sind "ganz normale Christ*innen" eben nicht harmlos. Und die Reise nach Münster war deutlich mehr als ein frauenpolitisches Statement.

gruppe_f