Virtuelle Gedenkorte

Ein Internet-Portal weist den Weg zu Orten von NS-Verbrechen und des Widerstands

www.gedenkorte-europa.eu

Oradour – Düsseldorf

Am 9. und 10. Juni 1944 wütete die SS-Division „Das Reich“ im grünen Limousin. In Tulle ließ der Kommandeur der Division Lammerding 99 Geiseln an Laternen hängen. Bei lauter Schlagermusik. Vor den Augen der Angehörigen. Einen Tag später wurden in Oradour 642 Menschen erschossen, verbrannt. Darunter 240 Frauen und 205 Kinder. Vom Dorf blieben nur Ruinen. Der Hauptverantwortliche, SS-General Lammerding, wurde zweimal in Abwesenheit in Frankreich zum Tode verurteilt. In Düsseldorf konnte er unbehelligt als erfolgreicher Bauunternehmer bis zu seinem Tode leben. Das von der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft 1961 eingeleitete Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, „weil zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für eine begangene strafbare Handlung nicht festzustellen“ seien.

Struthof – Düsseldorf

Im annektierten Elsass forschten die Nazis in den 40er Jahren ‚rassenideologisch’ und an chemischen Kampfstoffen. Für pseudomedizinischen Versuche konnten die Nazi-Mediziner ‚Menschenmaterial‘ aus dem wenige Kilometer entfernten Konzentrationslager Struthof-Natzweiler benutzen – in der Gaskammer wurden Häftlinge u. a. für die Skelettsammlung des berüchtigten SS-Arztes August Hirt ermordet. Enger Mitarbeiter und Schüler von Prof. Hirt war Dr. Anton Kiesselbach. 1943 standen ihm in Straßburg 31 KZ-Häftlinge zur Verfügung, denen man den linken Hoden abgenommen hatte. Der Hirt-Schüler und Mitglied der SA wurde in den 60er Jahren Ordinarius und Dekan der Medizinischen Fakultät in Düsseldorf. Das vom Landgericht Düsseldorf in den 60er Jahren eingeleitete Verfahren gegen ihn wurde „mangels Beweisen“ eingestellt.

In den meisten Reiseführern kommen Oradour und Struthof nicht vor. Und welche deutschen Urlauber*innen, die im Limousin oder im Elsass unterwegs sind, denken an bzw. wissen von den Verbrechen der Nazis während der Besatzung? Wer weiß schon, dass am Ende des Zweiten Weltkrieges furchtbare Massaker, Geiselerschießungen, Deportationen und Partisanenkämpfe in Frankreich und Italien stattfanden?

Oradour und Struthof sind nur zwei Namen von Orten des Verbrechens durch die Besatzungskräfte, die im neuen Projekt des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945 im Gedenkjahr 2013 vorgestellt werden.

Neben bekannten Gedenkorten wie Marzabotto bei Bologna, wo an die tausend Zivilist*innen Ende September 1944 ermordet wurden, oder St. Anna di Stazzema, wo 500 ältere Menschen und Kinder am 12. August 1944 von der SS-Division „Reichsführer SS“ ermordet wurden, und der bretonischen Insel Sein, wo alle Männer Ende Juni 1940 nach England übersetzten um sich dem Widerstand anzuschließen, werden mehr als 700 weitere Orte in Frankreich und Italien beschrieben, geordnet nach Regionen. Es wird über die Geschichte dieser Orte und über das dortige Gedenken informiert. Einführungen zu den Regionen, Sachstichworte wie z. B. Kollaboration, Judenverfolgung, Partisanenbekämpfung, Maquis oder Frauen im Widerstand, Kurzporträts von Widerstandskämpfer*innen wie Luigi Longo oder Lucie Aubrac, von Opfern und Tätern wie Lammerding, Fotos und Wegbeschreibungen, Literatur- und Medienhinweise ergänzen die Texte. Mithilfe von Google maps findet man auf www.gedenkorteeuropa.eu schnell zu diesen Stätten. Unzählige Gedenkorte und Gedenksteine erinnern an Lager, Deportationen, Zwangsarbeit und Massaker an der Zivilbevölkerung. Sie erinnern auch an den unter schweren Opfern geleisteten Widerstand gegen die Besatzer und deren Kollaborateure.

Der digitale Reiseführer „Gedenkorte Europa“ zeigt auf, wo und wie an die Besetzung durch Nazi-Deutschland erinnert wird. Museen für Resistance-Kämpfer*innen und Partisan*innen, Gedenksteine für Widerstandskämpfer*innen und -kämpfer, Hinweistafeln auf Verbrechen der Besatzung – überall finden sich Orte der Erinnerung, oft versteckt und wenig beachtet. Wer in die Toskana oder in die Pyrenäen fährt, kann sich nun mit ein paar Klicks über Orte der Erinnerung in seiner Urlaubsregion informieren.

Mit dem Internetportal will der in Frankfurt am Main ansässige Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V. an die Geschichte der Besatzung und des Widerstands in Europa während der Nazi-Diktatur erinnern und zu Besuchen der Gedenkorte anregen, die Wege dorthin aufzeigen und erste Informationen anbieten. Tourist*innen sollen mit anderen Augen ihre Urlaubsregion betrachten: „Damit soll auch ein Verständnis für die Narben in den kulturellen Gedächtnissen der ehemals besetzten Regionen geweckt werden.“

Das Projekt, das bisher durch private Einzelspenden, die Otto-Brenner- und Rosa-Luxemburg- Stiftungen sowie archetmedia finanziert und gefördert wurde, soll in den nächsten Jahren mit Wegweisern zu Gedenkorten in den baltischen Staaten, in Griechenland und weiteren europäischen Ländern fortgesetzt werden.

Dr. Florence Hervé
arbeitet am Projekt www.gedenkorte-europa.eu mit