MADE MY DAY

by HONKER

Was erlauben Mappus? Der Ex-Ex und nie mehr wieder vergesst ihn und eh Baden gegangene Württemberger soll sich wegen diverser Untersuchungsausschüsse bei seinen Spezis ausgeheult haben, er habe bezüglich seiner Homebase CDU gute Lust aus diesem "Scheiß-Verein" auszutreten. Ja aber Hallo immerschön: so ein tolles Beispiel sollte doch unbedingt Schule machen, denn da gibt es doch bestimmt noch einige mehr, die hier folgen können. Mappe, ähnlich unserem goldenen Kurt Beck, ist einer dieser wahnsinnsgeilen typisch deutschen Rüpelpolitiker*innen, die sich eher durch Wähler*innenignoranz und -beschimpfung profilieren als durch sinnvolle politische Impulse und Lösungen. Rüpelpolitiker ist aber auch ein schönes Wort. Die Anregung dazu verdanken wir Ex-BRD-Generalbundesanwalt und jetzt Präsi des Verkehrsgerichtstages (was für ein DEUTSCHES Wort …) Kay Nehm, der letztlich empfohlen hatte, Rüpel-Radler*innen sollten härter bestraft werden. Typen wie Nehm (71) sind typisch für die Exekutive dieses Landes: ihnen geht es nur um die bürokratische Umsetzung von Gesetzen, die oft von annodunnemal sind, und nicht um genaues Augenmaß und zeitgemäße Umwandlungen. Die bescheuerte und völlig weltfremde Legende von Rüpel- oder Kampfradler*innen – letztere hatte ja schon Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer verbreitet – ist nichts anderes als eine politische Denunzierung, die zeigen soll: Die Verkehrsumwelt ist für KFZs gemacht, und Radler*innen und auch Fußgänger*innen, die schwächsten Teilnehmer*innen, werden darin nicht etwa geschützt, sondern auch noch diskriminiert. Das Verkehrsaufkommen der Radler*innen hat indes nicht nur zugenommen, sondern die Gestaltung und Infrastruktur ihrer Fortbewegungs- und Sicherungsmöglichkeiten im Straßenverkehr ist nach wie vor blamabel. Eine Neustrukturierung wird hingegen ignoriert, so dass diese Verhältnisse zivilen Ungehorsam geradezu herausfordern. Und was sagt Nehm? Die behördliche Duldung der lebensgefährlichen Verhaltensweisen vieler Radler*innen sei ein Skandal und – jetzt die Pointe – Autofahrer*innen müssten in der dunklen Jahreszeit höllisch aufpassen. Hallo Nehm: Ich kann gar nicht mehr zählen, wie knapp ich dem Sensemann schon von der Schippe gesprungen bin, weil mich irgendein Autoarsch mit lebensgefährlicher Verhaltensweise mal wieder vor allem in der dunklen Jahreszeit ignoriert hat. Und LKWs fahren scheinbar grundsätzlich eh nur mit 5 cm Sicherheitsabstand an Fahrrädern vorbei. Und hallo Wach: Radler*innen schützen die Umwelt (zum Verständnis, Herr Nehm: sie brauchen kein Benzin). Zum Dank werden sie dazu verdonnert, an jeder Kreuzung lecker Abgase auf Lunge zu rauchen oder zwecks Überkreuzung gefühlte 30 Ampeln zu drücken. Und wenn kein Radweg da ist, und die Autos kriminell zu schnell und am besten noch telefonierend fahren – ja dann nehmen wir halt verdammte Hacke den Gehweg und deklarieren das als verkehrspolitische Demonstration mit der Forderung: Hier gehört ein Radweg hin! Denn, das muss angesichts des KFZ-Wahns mittlerweile ganz klar gesagt und gefordert werden: Radfahrer*innen gehören eben NICHT aufs Sträßchen! Ist einfach viel zu unsicherlich, mit den vielen depperten Blech-Irren einen gemeinsamen heißen Streifen zu fahren. So, Herr Nehm, und jetzt können Sie wieder auf ihr Zimmerrad steigen, da ist die Welt dann in Ordnung. Ich hab leider keine Zeit, denn ich muss sehen, dass ich die mittlerweile in Haufen eingegangenen Austritte aus diesem Scheiß-Verein in die richtigen Wege leite. Macht’s schlecht, ihr Rüpelpolitiker*innen, Licht aus, Ton an.

DJ KOZE: AMYGDALA (pampa) Ich hab leider keine Zeit … hm … kommt mir doch bekannt vor … egal – *vorsichtig über die mauer lins* Ist das schon Nummer Heinz in Deep Spack, Gruuf und Doof? Wenn nicht, machen wir’s halt hier – und gleich auf der Straße. Wird ja immer ’n Riesenwind gemacht bei neuer Koze. Aber Leute: Ist zwar Koze, aber ist doch nur Koze. Ja klar, aber eben Koze und daher beste Koze seit immer, daher rausgehen und klarmachen. Für Details geht ihr bitte ins Hinterbett, hier wird das Cover besprochen: Koze mit schwarzem Jethelm in blaubeklopptgemustertem Mantel als Usbekenlappe oder so was auf Rentier in rosapsychedotischer Modelleisenbahnlandschaft. Die Message ist arschklar auf und im Eimer: Wir brauchen weder Auto noch Fahrrad noch Füße, wir Rennen und ham eh Spaß. Toller Typ, der Koze, dem folgen wir bestimmt nicht, überzeugt. Dazu dieser sauscheißgeil durchgeknallte Ethno-Krautrock-Titel von 1973 – da simmer dabei. Wie, hat was mit Hirn zu tun? Sagense immer alle. Die Scheibe-des-(Früh)Jahres – Sammelbüchse lass ich noch rumgehen, oder den ollen Hut, und dann ist aber gut. So und nu hört ma zu: äh.

JULIAN & DER FUX: MISCHWALD – KAPITEL 1 (jhruza) Minimal-Tech-House und Natur- bzw. Waldmetaphern – das ist ein Kapitel für sich, dem sich vollbeschissene Pop-Ackerdämiker zukünftig lebensverschwendend widmen können. Wir hören derweil diese kleine Großtat der Wiener, die ihre tollen Mönsterchen "Speckbrot", "Der letzte Tanz", "Altes Ego" und "Axt & Beil" 12 mal auseinandernahmen und sehr fein neu zusammengesetzt haben. Das perlt. Seltsam, aber normal geil, wenn vier Tracks wie ein ganzes Album wirken. Up!

BONG-RA: MONOLITH (prspct) Die alte Kamellen- und Mottenkiste auf, und heraus kommt ein brandneu geilstgefährliches Monster: Diese Hammerscheibe des Breakcore-Pioneers und Djax-Urgesteins ist fast ein Jahr komplett hinter den Schrank gefallen, und tritt dafür jetzt noch mal doppelt heftigst Arsch. Der fette Mix aus Metal-Dubstep-Breakcore-Hop teilt sich in die von Anticon-Rapper Sole geprägten Teile "Alpha" und die unter "Omega" firmierenden Metalbreaks, für die unser Mann aus Utrecht notorisch ist und schon Derbheiten wie Bolt Thrower oder Therapy? remixte. Das Konzept der Scheibe umkreist die Kriseninflation der Jetztzeit, Massenkorruption, Arbeitslosigkeit, Ungerechtigkeit, Demokratie als maskierter Totalitarismus, Armut, (heilige) Kriege, Krankheiten, Hungersnöte usw. – das volle Kasperprogramm. DARK!

STAER: STAER (discorporate) Obwohl das Instrumentarium dieses außergewöhnlichen Dreiers aus Stavanger echt Rock-klassisch ist, donnert ihr 100% verzerrter Power-Doom-Garage-Improv-Metalcore äußerst frisch, neu und klar in die Ohren. Die sechs Tracks sind eine exzellente Visitenkarte für ein wahrscheinlich orgiastisches Konzerterlebnis. Wenn die in der Nähe sind, sollte unbedingt alles stehen und liegengelassen und hingegangen werden. Wort drauf!

HASSLIEBE: SKLAVE DER NEUZEIT (mpm) Der reformierte Fünfer aus Donauwörth kommt mit einer baumarktsoliden PunkMetalMixtur ohne Überraschungen um die Ecke. Im Image zwischen Bikerrocker, Schrottplatzklopper und Vietnam-Vet rockt man sich durch Texte zwischen authentischer Frust-Flucht, gesellschaftlicher Wut und Ohnmacht und Brecht’schen Erkenntnissen. Härte zählt, Humor fehlt, Holzhammer trifft.

1984: INFLUENZA (deaf rock) Seltsam einnehmendes Trio aus Straßburg, das ziemlich nach Früh80er-BombastWave wie Chameleons oder, etwas feiner, Echo & the Bunnymen klingt, aber den Spirit für heutige Major-Indieohren aufkocht. Protegiert und produziert von den hochrespektablen Blood Red Shoes gelang hier ein differenziert klingendes Album, das zum Wiederhören reizt.

PEDRO LEHMANN: LOST CONTROL (lehmann) Ein Duo Drums-Gitarre lässt nicht gerade automatisch die Stimmung sprudeln, aber was die beiden Schweizer hier anstellen, lässt dann doch sehr sehr nicken. In nur sechs Stücken entstehen aus einer erstaunlichen Dialektik von Getriebenheit und Reflexion bedrückend schöne und vital-intensive Stücke, die man in dieser Form weder erwartet noch vorher gehört hat. Für Baukastenkids: Ist ein Mix aus Tim Buckley, Bono und einem Folkie-Danzig vorstellbar? Sehr großartiges Ding.

LOCH LOMOND: DRESSES (chemikal underground) Die 7-köpfige Band aus Portland, Oregon um Mastermind Ritchie Young überrascht einmal mehr mit avanciert komponiertem und opulent arrangiertem Alternative-Folk-Pop, und hat mit dem Viertling ihr bislang vielschichtigstes und bestes Album eingespielt. Gleich wie schräg und versponnen es sein mag, ist es immer zugänglich und melodiös äußerst einnehmend. Vom Tempo naturgemäß zwischen Mid und Ballade angelegt, entfalten sich wunderbare Songblüten, die bei aller Großartigkeit sehr subtil und detailliert ausgearbeitet sind. Ausnahmemusik.

THOS HENLEY: IN HEARING TASTE (k&f) Eines ist mal klar: der reisefreudige Brite, mittlerweile erstmal in Dresden angekommen, braucht andere Texte – nämlich größere. Ist das 3-Punkt? Also, mei Gudster: Nächste Platte anders oder Lupe beilegen. Lassen wir also mal die Texte KOMPLETT beiseite und wünschen ihm Erfolg, um sich gescheite Grafiker*innen oder ein lesbares Lyrics-Sheet leisten zu können, und sagen ein paar Takte zur Musik. Der klare, unprätentiöse und ungewöhnliche Folk-Pop bezieht sich schon im Titel auf die Abschiedsgrußformel der Briefe, die Patrick Leigh Fermor von seinen zahlreichen Reisen schickte. Fermor lebte ein aufregendes Leben inkl. Abservierung des Nazi-Ober-Okkupators von Kreta, geruhsam-kreativem Chill-In in der Karibik und Ruhestand in Kardamyli/Pelepones, wo Chatwins Asche ruht. Zu solchen Credits muss Henley erstmal kommen, und beweisen, ob er mit seinem ansprechenden und letztlich inspirierenden Kammerpop dahin gelangt.

SON OF THE VELVET RAT: REAPER (monkey) Puh! Alle verfügbaren Hüte ab! Georg Altziebler macht, was eigentlich gar nicht mehr wirklich machbar ist: ein Coveralbum. Und dann auch noch eines, das Dich umwirft. Ich nenn mal ein Beispiel: I will survive. Und alles winkt ab, läuft weg. Ich aber so: Hierbleiben, hören, in Liebe fallen. Der nimmt Discokugeln und Kreischsekretärinnen weg und legt den Song behutsam ins Samtkastl. Oder: It’s a long way to the top. Nimm den Rock weg, bekomm Atemnot beim Zuhören. Oder: Ballad of Lucy Jordan. Hab ich immer gehasst, kann ich auf einmal hören. Wunder geschehen. Und noch mehr dreckiges Geschmeide von z. B. Zevon, Stones, Lovett. Hot shit.

WILLIAM ADAMSON: UNDER AN EAST COAST MOON (brownswood) Stimmt korrekt: Eine inspirierte Mischung aus Beefheart, Waits und Amon Düül. Ja dann kann man die doch alle durcheinander hören? … eben nicht. Das hier ist etwas sehr Neues, Eigenes und verdammt Gutes. East Coast bedeutet hier East Anglia, verwoben werden Geschichte und Gegenwart Suffolks mit den Sumpflandschaften Louisianas. Regionale Idiosynkrasien spiegeln sich in universalistischer Pop-Dialektik, auch nicht ganz schlecht. Was Rob Gallagher – ihr kennt ihn noch als Galliano oder Earl Zinger –, Langzeitkumpel von Gilles Peterson und ergo auf dessen Label, und seine Band hier angestellt haben, ist famos. Talking-Poetry-Blues-Infusion-Transfusion mit Kante und Seele. Yep.

LUAI: BOULDER THICKET (dime) Der gegenwärtig in Berlin lebenden Finnin Saara Markkanen gelingt auf ihrem Debut ein glaubwürdiger Spagat zwischen Fragilität und Energie. Sanft spinnt sie ihre Fäden und wickelt dich langsam, aber bestimmt und sicher ein. Sehr schönes Songwriteralbum, das auch vom Instrumentarium her einiges zu bieten hat – sollte auf keinen Fall untergehen.

HK119: IMAGINATURE (one little indian) Die aus der Kunstszene stammende Heidi Kilpeläinen hat sich als eine Art finnisch-futuristische Electro-Pop-Nina Hagen einen Namen gemacht und mit dem Kunstcharakter eines fiktiven Barcodes hyperreale Satiren auf Massenkonsum, Technologie, Gesellschaft und Celebrity Culture erzeugt. Auf ihrem vierten Album vollzieht sie thematisch eine Kehrtwendung hin zur Exploration der Themen Natur und Spiritualität abseits von romantizistischen Projektionen. Da dies mit durchaus artifiziellen Mitteln exerziert wird, birgt das Ganze ungewöhnliches Potential und Spannung.

OFRIN: THE BRINGER (kreismusik) Ofrin kommt nicht aus dem Nichts: Aufgewachsen in einem abgelegenen idyllischen Dorf in Israel, zog sie 2005 nach Berlin, nahm dort mit ihrem Mann Oded K. zwei Alben zwischen Jazz- und Avant-Pop auf, spielte extensiv live und brachte ihre außergewöhnlichen und intensiven Vocals zwischen verführerischer Subtilität und avancierter Kraft zur Reife. Ihr neues elektronischeres Album ist in der Tat der Bringer: Im Team mit Keyboarder/Produzent Eddie Stevens bündelt sie ihre multiethnische (polnisch, deutsch, tunesisch, israelisch) Herkunft und geht beeindruckend-gelungene Symbiosen aus Tradition und Fortschritt sowie Gefühl und Ratio ein.

V.A.: ECCENTRIC SOUL VOL.14 (numero) Während Berry Gordy sich ab 1959 in Detroit anschickte, mit Tamla-Motown die schwarze Popgeschichte neu zu schreiben, startete in San Antonio/Texas, immerhin die siebtgrößte Stadt der USA, wenig später der Musik- und Immobilienmogul Abe Epstein weniger erfolg-, aber nicht minder einflussreich u. a. das Dynamic-Label. Der genuine West-Side-Soulsound macht heute noch jedem Allnighter Ehre. Epsteins Gabe bestand weniger aus Strategie oder Tontechnik, als vielmehr darin, sein Ohr auf die Straße zu legen, und so initiierte er eine der reichhaltigsten musikalischen Erbschaften von Texas, das hierzulande noch viel zu oft mit Southern Rock verbunden wird. Bevor der Music-Head, damals kaum älter als seine Player, letztjährig starb, konnte er mit Numero noch diese Compi aushandeln. Go get it.

GETATCHEW MEKURIA, THE EX & FRIENDS: Y’ANBESSAW TEZETA (terp) "In Erinnerung an den Löwen" heißt die Übersetzung des neuerlichen Collabo-Albums der äthiopischen Saxlegende mit den holländischen Improv-Legenden "The Ex", denn, so die Befürchtung: es könnte ja das letzte Mal sein. Doch der Meister ist zum Glück immer noch alive und well – und wie! Sein Stil erinnerte viele offene Ohren an den Free Jazz, von dem Mekuria jedoch nie beeinflusst oder angefixt war – er ist seit jeher sein eigener Originator. Zum 1. Mal teamte er mit dem Improv-Kollektiv 2004 zu dessen 25. Jubiläum up. Dieses Album ist grundsätzlich anders, eher gelassen-emotional, auch luzider und fragiler. Ein dolles Ding! Noch doller aber die Verbeugung von den dutch bandmates: Eine satte Bonus-CD mit historischen Aufnahmen des Löwen und ein tonnenschweres Booklet mit wirklich großartigen Fotos. Not to be missed!

PIERRE FAVRE: DRUMS AND DREAMS (intakt) Auf YouTube gibt es diesen genialen Clip, wo Louis Armstrong mit der Max Greger Combo auf einer Bambiverleihung "Hello Dolly" gibt, und die deutschen Show-Deppen klatschen natürlich wie immer mit, um ihr Rhythmusverständnis zu zeigen. Im Hintergrund swingt aber ganz lässig und entspannt: der Drummer – Pierre "The Man" Favre. Der Schweizer hat einen langen Weg hinter und hoffentlich noch vor sich. Dass er später zu einem, wenn nicht DEM einflussreichsten europäischen Drummer wurde, der sein Instrument zur begnadeten Soloartistik ohne prätentiöse Virtuosität, dafür aber mit inspirierter präziser Poesie führen konnte, war damals noch nicht abzusehen. Später mischte er mit diversen Koryphäen – you name them! – die Jazzwelt neu auf. Dass Intakt hier längst vergriffene Soloplatten von 1970, 1972 und 1978 im Triple-Pack neu herausbringt, dafür darf man sich bedanken. Ein Muss, das zu hören und zu erfahren. Enough said.

MAYAS & ABDELNOUR: MYRIAD (unsounds) Die faszinierend fragile und ruhig-abstrakte Improvisation der Pianistin Magda Mayas und der Saxofonistin Christine Abdelnour auf dem Meteo-Festival in Mulhouse 2011 lotet die Möglichkeiten zweier akustischer Instrumente bis hin zur Auflösung ihrer Klang-Charakteristik aus. Trotzdem ist dies keine Akusmatik (eine Musik, deren Klangerzeugungsmittel nicht identifizierbar sind, Anm. Wikipedia), sondern eine hochkonzentrierte Dialektik aus Spannung und Entspannung, aus humaner Systole und Diastole: die Komplexität des Klanggewebes atmet und drückt.

CHRISTIAN BOUCHARD: AUTOMACITÉ (empreintes digitales) Hier das komplette Gegenteil: Das auf DVD-Audio editierte zweite Soloalbum des kanadischen Elektroakustikers Christian Bouchard ist ein ganz besonderes Schmankerl zum Schluss. Das schwierigste Audiomaterial ist mitunter das Logischste also Fordernste also Beste. Die konsequente Klangakusmatik Bouchards bietet mithin das radikalste Audio der Gegenwart. Es geht um die Transformation von abstraktem Expressionismus, um die konsequente Vermeidung von Erzählung oder poetischem Ausdruck und der radikalen Nicht-Bezugnahme der Parameter Klang und Form. Wer hier noch mitkann und -will, ist gerüstet für die Zukunft. Der Rest ist Rüst und Rost und Rüpel für die Vergangenheit. Es ist zwar vorbei, aber die Erinnerung bleibt für die neue Tat.

Für Kevin Ayers.