„Lauft, Genoss*innen“

Auf 80 inhaltsdicht-beladenen Seiten entwickeln die Autoren einer neuen Thesenschrift „Jenseits von Interesse und Identität“ Rückblicke mit Analyse und Ausblicke zur Zukunft linker Strategien. Da hat alles mit allem zu tun. Klar ist: Linke politische Theorie und Praxis kann auf der Suche nach dem handelnden Subjekt zwischen Klassenkampf und Identitätspolitik nicht hinter „1968“ zurück.

Eine Flugschrift kündigte die Interventionistische Linke (IL) in ihrem Debatten-Blog im Juni 2017 an. Einer ihrer Autoren ist Mario Neumann aus Berlin, in der IL organisiert und aktiv im Blockupy Koordinierungskreis. Sein Mitautor, Sandro Mezzadra, war 2015/2016 für neun Monate Gastwissenschaftler am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Mezzadra lehrt und forscht eigentlich in Italien, ist in Bologna Professor für Politische Theorie und Philosophie. Jetzt liegt ihr schma­ler Band vor – 76 Seiten zur Gegenwart und Zukunft einer radikalen Linken im Spannungsverhältnis von Klassen- und Identitätspolitik. Entstanden ist eine Flugschrift, die vor allem Papier füllt zur Begründung dafür, warum es kein Ausweg sein kann, sich von der Frage der Identitäten vollständig zu verabschieden, wenn wir heute wieder eine linke oder auch linksradikale Politik und Praxis anschieben wollen, die ihren Namen verdient.

Damit knüpfen die Autoren im Jahr der Bundestagswahl, im Sommer des G20-Gipfels in Hamburg an Diskussionen an, die schon seit Längerem köcheln und mit diversen Positionen etwa aus den Reihen der Links-Partei prominente Gesichter bekommen haben. Aber auch jenseits des Wahlkampfes von Wagenknecht und Co., so beschreiben Mezzadra und Neumann, entwickelt sich die Auseinandersetzung um die Vereinbarkeit – oder Widersprüchlichkeit – in der Suche nach Hauptschneisen linker Politik im 21. Jahrhundert zur gewichtigen Frage, die eine linke Bewegung herausfordert.

So beschreiben sie in 12 Kapiteln – unterteilt in einen rückblickend- und einen gegenwartsanalysierenden Teil – den Weg, auf dem sich in den letzten zwei Jahren eine ernsthafte Debatte über Ziele und Mittel linker Politik entfaltet hat. Viele fragen sich: was bedeutet „wir“ und „unten“ heute eigentlich noch? Wer sind die Handelnden in den sozialen Kämpfen? Die Autoren des bei LAIKA in Hamburg erschienenen Bändchens stellen eben diese Suchbewegungen dar: „Klasse, Identität, Volk. Alte Wörter kommen wieder und scheinen unsere Diskussionen über politische Alternativen zu bestimmen. Wir stellen das fest,“ schreiben Neumann und Mezzadra, „und wollen versuchen zu verstehen, was dahintersteckt“. So bleiben sie nicht bei der Beschreibung. Vielmehr machen sie Vorschläge, die sich am Hier und Jetzt, aber auch an der historischen Entwicklung von Klassen- und Identitätspolitiken der letzten 50 Jahre orientieren und diese in ihre Überlegungen einschließen: Versuchen etwa am „Linkspopulismus“ ausgerichtete Politiken wieder, die sogenannte „soziale Frage“ und den Nationalstaat als Bezugsrahmen stark zu machen, plädieren Mezzadra und Neumann in ihrem Essay für eine (neue) Klassenpolitik, argumentieren aber zugleich gegen den klassischen Linkspopulismus. Dies begründen sie einsichtig mit dem Bruch von „1968“, hinter den eine Linke heute definitiv nicht mehr zurück könne.

Dieser Bruch bestünde auf der Ebene der Akteur*innen darin, dass seit „68“ erstmals migrantische Arbeiter*innen, Frauen und Jugendliche in sozialen Kämpfen eine wichtige Rolle gespielt und so eine Ausweitung der Kritik eingefordert hätten: Weg vom Marxismus und von der Fabrik als Zentrum linken Denkens – hin zu einer Kritik des ganzen Lebens. Insofern sei es kein Zufall, dass diese drei Akteursgruppen, die heute, global gesehen, die Mehrheit der Arbeitenden stellen, nun in der autoritären Variante des Linkspopulismus und in den aktuellen Debatten und Konzepten linker Politiken absichtsvoll „vergessen“ würden. Am Ende bieten Mezzadra und Neumann eine sehr gute Übersicht über die Diskussion, beziehen Position und werfen Fragen auf, denen die radikale Linke sich stellen muss. Ihr Ansatz schließt ein, die Geschichte der Kämpfe seit 1968 ernst zu nehmen. Hätten diese doch nicht weniger als die „Bedeutung von Begriffen wie Klasse, Partei und Volk herausgefordert, verändert und vertieft.“ Diese Bruchkante ist unwiederbringlich überschritten und wirkmächtig für linke Politiken, die jenseits von Interessen und Identitäten Lösungen finden möchten. Der Blick zurück bedingt also den Schritt nach vorne – und kann ihn fruchtbar bestimmen. Aber, so Neumann und Mezzadra: „50 Jahre nach den Revolten des Mai 1968 sollten wir uns davor hüten, die Uhren zurückzudrehen“ – „In diesem Sinne: Lauft, Genoss*innen! Die alte Linke ist hinter Euch her!“

Bernd Hüttner

Sandro Mezzadra/Mario Neumann:
Jenseits von Interesse und Identität. Klasse, Linkspopulismus und das Erbe von 1968; LAIKA Verlag, Hamburg 2017, 68 S., 9,80 EUR