Andere Perspektiven aus der Krise

cOrOna und Sexarbeit

Seit Beginn der Corona-Krise hat sich auch für Menschen im Arbeitsfeld sexueller Dienstleistungen die Situation schlagartig verändert. Alle Einrichtungen, in denen Sexarbeit angeboten wurde, sind nun geschlossen. Damit verschärft sich für jene Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, ihre ohnehin oft schon prekäre Situation.

Aber wie geht es jetzt für die Sexarbeiter*innen weiter? Und gibt es von staatlicher Seite Unterstützung? Über diese und andere Fragen haben wir mit Martina gesprochen. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin bei einem Beratungsangebot für Sexarbeiter*innen im Rheinland:

Wie sieht deine Arbeit konkret aus?

Normalerweise besteht meine Arbeit aus aufsuchender Arbeit, an den Orten, an denen Sexarbeit angeboten wird, also in Bordellen, Clubs und Wohnungen und aus Arbeit in unserer Beratungsstelle. Dort können uns Klientinnen mit ihren individuellen Fragestellungen aufsuchen. Aufgrund der Corona-Krise haben wir sowohl die aufsuchende Arbeit als auch die persönliche Beratung einstellen müssen. Nach Schätzungen von Behörden und Beratungsstellen sind 80% der Sexarbeitenden, die nicht aus Deutschland kommen, in ihre Heimatländer zurückgegangen, als die Grenzen noch offen waren. Die übrigen sind in den Städten geblieben, in denen sie eine Wohnung haben oder arbeiten. Es gibt Klientinnen, mit denen wir schon in einem Beratungsprozess waren, diese führen wir natürlich weiter, nur eben jetzt übers Telefon. Ansonsten sind wir die Orte und Adressen, die wir kennen, abgefahren und haben Flyer eingeworfen, die darüber informieren, dass wir weiterarbeiten und für Fragen erreichbar sind. Außerdem haben wir die einschlägigen Foren, in denen die Menschen ihre Dienste anbieten angeschrieben und unser Angebot vorgestellt. Inhaltlich besteht unsere Arbeit aktuell hauptsächlich daraus, die Sexarbeitenden bei ihrer Existenzsicherung zu unterstützen. Daneben gibt es aber auch weiterhin andere Themen, mit denen an uns herangetreten wird. Wir sind weiterhin erreichbar über Telefon, Mail und Messenger.

Was hat sich an der Situation für Sexarbeitende seit Beginn der Corona-Krise verändert?

Alles! Aufgrund einer Allgemeinverfügung zum Schutz der Bevölkerung vor dem Corona-Virus wurde nach dem Infektionsschutzgesetz in den einzelnen Städten die Schließung von Prostitutionsstätten, Bordellen und ähnlichen Einrichtungen angeordnet. Das bedeutet, dass die Sexarbeitenden ihre Tätigkeit nicht mehr ausführen dürfen und von heute auf morgen kein Einkommen mehr hatten. Natürlich gab es hier, wie anderen Branchen auch, Menschen, die Rücklagen gebildet haben, einige aber auch nicht, weil sie zum Beispiel nicht genug verdient haben.
Die allerwenigsten haben allerdings Rücklagen für so eine lange Zeit gebildet. Dazu kommt die Unsicherheit, wann die Verfügungen wieder aufgehoben werden. In diesem Bereich ist ein Mindestabstand von 1,5 m logischerweise nicht einhaltbar. Es gibt Sexarbeitende, die aufgrund der geschlossenen Grenzen nicht mehr nach Hause kommen und nun in der Stadt, in der sie gearbeitet haben, festsitzen. Existenzangst und Unsicherheit beschreiben ihre Situation am besten, denke ich.

Gibt es in der aktuellen Situation Hilfe von Seiten der Stadt für Sexarbeiter*innen?

Die gibt es, soweit wir dies durch unsere Vernetzung mit den Beratungsstellen der unterschiedlichen Städte mitbekommen, in fast allen Städten. Neben der Soforthilfe haben Selbstständige – und Sexarbeitende sind Selbstständige – die Möglichkeit, Leistungen nach dem SGB II, gemeinhin als Hartz IV bekannt, zu beantragen, wenn ihr Einkommen und damit ihre Existenzsicherung wegfallen. Hier gab es Erleichterungen in den Antragsverfahren, auch für EU-Bürger*innen aus anderen Ländern. Das ist unter Nicht-Corona-Bedingungen deutlich anders. Wir haben viele Frauen bei der Stellung von Anträgen unterstützt und warten nun darauf, ob diese auch bewilligt werden. Wenn dies nicht reibungslos läuft, stehen wir natürlich vor einem großen Problem. Die Sexarbeitenden sind häufig Menschen, die nicht ausreisen können und hier aber ihrer Tätigkeit nicht nachgehen können und somit mittellos sind. Das Bundesfamilienministerium hat den Abschnitt im sogenannten Prostituiertenschutzgesetz außer Kraft gesetzt, der das Übernachten in Prostitutionsstätten verbietet, so dass Sexarbeitende, die nicht mehr rechtzeitig ausreisen konnten, dort erst mal bleiben konnten. In Düsseldorf beispielsweise ist aber auch eine Unterbringung möglich, wenn sie die Möglichkeit in den Bordellen zu übernachten, verlieren und dann wohnungslos sind. Da greift das Hilfenetz für Menschen ohne festen Wohnsitz.

Was müsste passieren damit sich die Situation für Sexarbeitende verbessert?

So lange Prostitutionsstätten geschlossen bleiben, ist ein unkomplizierter Zugang zu staatlichen Leistungen notwendig, um ihre Existenz zu sichern, und zwar unabhängig von ihrer Nationalität. Dies würde unserer Ansicht nach auch eine Stigmatisierung ausschließen. Außerdem wäre sicherlich auch für sie eine transparente Exit-Strategie wichtig, um die nächsten Wochen und Monate zu planen.

Haben Menschen in Sexarbeit ein Anrecht auf staatliche Soforthilfe?

Wie alle Selbstständigen haben auch Sexarbeitende das Recht, die Soforthilfe zu beantragen. Wir haben auch schon Rückmeldung von Frauen, die die Hilfe bewilligt und überwiesen bekommen haben. An dieser Stelle wird kein Unterschied gemacht, sie werden als Solo-Selbstständige betrachtet, wie alle anderen auch. All diese Möglichkeiten gelten natürlich nur für Sexarbeitende, die hier legal für den Sex-Job angemeldet sind. Viele Sexarbeitende sind das aber nicht! All jene, die sich illegal in Deutschland aufhalten, fallen natürlich durch alle Hilfsnetze. Wichtig wäre ein Hilfefonds insbesondere auch für jene, die durch alle Rastern fallen und die nicht von den regulären staatlichen Hilfen profitieren, damit auch ihre Grund- und Gesundheitsversorgung sichergestellt werden kann.

Bekommt ihr mit, wie die Freier auf die Situation reagieren?

Zum Teil bekommen wir dies mit. Es sind beispielsweise manchmal Freier, die den Kontakt zu uns suchen. Es gibt Freier, die die Frauen mit Sachmitteln wie z. B. einem Fernseher unterstützen, damit ihnen nicht langweilig wird in der Wohnung oder die auch finanziell helfen. In den unterschiedlichen Foren ist es ruhiger geworden, es scheint, als würde sich weitestgehend an die Verordnungen gehalten. Einzelne Frauen berichten allerdings von absolut krassen Anfragen zu Dumpingpreisen mit der Begründung, sie müssten ja nehmen, was kommt. Dann hören wir auch von Frauen, die weiter ihre Dienste anbieten, also muss es auch weiter Freier geben, die diese in Anspruch nehmen. Wie immer ist die Bandbreite an Reaktionen groß.
Die Sexarbeitenden selbst vertreten klare Forderungen, was in der derzeitigen Lage wichtig ist. Der BesD e.V (Berufsverband Sexarbeit) fordert unter anderem ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle und die sofortige Einrichtung eines Rettungsschirms für alle Betroffenen.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

I Furiosi

Projekt RAHAB - Beratung für Menschen in der Prostitution
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Tel. 0211 / 4696-247
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Mobil 0177 7469646 oder 0159 04533494
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Andere Perspektiven aus der Krise

cOrOna und die Flüchtlingsunterkünfte

Seit mehr als drei Wochen gilt nun schon die Kontaktsperre. Wir alle wissen, dass wir unsere direkten Kontakte mit anderen Menschen einschränken sollen. Unmöglich ist das, wenn man in einer überfüllten Sammelunterkunft für Geflüchtete auf engstem Raum lebt.

In diesen müssen sich Menschen Schlafzimmer, Badezimmer, Küche und Speiseräume mit vielen anderen Menschen teilen.

So erzählt A., der in einer solchen Unterkunft in Düsseldorf lebt, dass seine 70-jährige Mutter, genauso wie er, in einem Gemeinschaftsschlafzimmer schläft und die Gemeinschaftseinrichtungen, wie Badezimmer und Küche nutzen muss. Die Flure seien eng, man könne sich gar nicht aus dem Weg gehen, sagt A. Abstandswahrung ist nicht möglich. Auch Angehörige von Risikogruppen leben hier zusammen und niemand hat die Möglichkeit sich selbst oder andere zu schützen.

Die Gesundheitsversorgung ist nicht mehr ausreichend sichergestellt, denn der Zugang zu Übersetzer*innen ist eingeschränkt, sodass Begleitungen zu ärztlichen Terminen oder auch Behörden nur schwer realisierbar sind, wenn Betroffenen die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen.

Auch psycho-soziale Therapien werden aktuell nicht, oder nur für bereits angebundene Patient*innen, angeboten. Neuaufnahmen sind oft nicht möglich. Geflüchtete sind hiervon besonders betroffen, da sie häufig fluchtbedingt traumatisiert sind. Die momentanen Einschränkungen und Unsicherheiten sind eine zusätzliche psychische Belastung.

Informationen über Corona sind nicht in allen Sprachen vorhanden oder wenn, nur sehr oberflächlich. Das führt zu Unsicherheit und Unwissen. Geflüchtete informieren sich im Internet und geraten immer wieder an Falschinformationen oder Verschwörungstheorien.

A. erzählt auch davon, dass in seiner Unterkunft die Sozialberatung nur noch im Homeoffice arbeitet. So ist es auch in anderen Düsseldorfer Unterkünften. Wer also ein dringendes Anliegen hat, zum Beispiel Briefe von Behörden oder - was oft passiert – Zahlungen, die fälschlicherweise von Jobcentern oder dem Amt für Soziales eingestellt wurden, muss die Sozialberater*innen telefonisch erreichen können oder in der Lage sein, per E-mail zu kommunizieren.

Auch werden Einschränkungen in den Unterkünften erhöht, sodass teilweise Besuche verboten sind. A., dessen Frau und Kinder momentan in einer anderen Düsseldorfer Einrichtung leben, kann seine Familie nur noch draußen treffen. H., mit dem wir ebenfalls Kontakt aufgenommen haben, findet das Besuchsverbot angebracht, da es, rein auf die Corona-Verbreitung bezogen, Sinn mache. Doch er erzählt von den großen Ängsten, depressiver Stimmung und Unsicherheiten unter den Geflüchteten, die nun noch mehr als vorher den Alltag bestimmen. Die wenigen Ablenkungen von einem tristen Alltag, die es vorher gab wie das Treffen mit Freund*innen oder der Besuch eines Deutschkurses sind nun nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt möglich. Auch wer arbeiten darf, häufig in prekären Jobs, arbeitet jetzt in Kurzarbeit oder wurde direkt gekündigt.

Aus einer ZUE (Zentrale Unterbringungseinrichtung) in NRW erfahren wir noch von anderen Maßnahmen. Wir haben mit K. telefoniert, der uns von der Situation in seiner Unterkunft erzählt. Hier wurden einige Zimmer frei gemacht, die für Verdachts- und Quarantänefälle genutzt werden sollen. Die Menschen, die in diesen Zimmern lebten, wurden auf andere Zimmer umverteilt. So teilen sich nun beispielsweise zwei Familien auf unbestimmte Zeit ein Zimmer, und für die Menschen in der Unterkunft wird es noch enger.

„Die Bedingungen müssten sich verbessern, um uns vor dem Corona-Virus zu schützen, aber die Dinge verschlechtern sich.“ sagt K.
K. lebt seit mehreren Monaten, nach einem schwierigen Asylverfahren, wieder in einer großen Unterkunft im Rheinland [1]. Ihm fehlt, wie vielen anderen Menschen, eine Aufenthalts- sowie Arbeitserlaubnis. Von den 31 Euro, die eine erwachsene Person in der Unterkunft wöchentlich bekommt, kann man sich weder gesundes Essen, ausreichend Hygieneartikel wie Desinfektionsmittel oder andere Schutzartikel leisten.

Schon lange wird die zentrale Unterbringung von Geflüchteten in großen Heimen und Anlagen kritisiert. Dass sich mehrere Menschen die gleichen Schlafräume, Kochmöglichkeiten (falls überhaupt vorhanden) und Badezimmer teilen müssen, ist nicht erst seit der Corona-Krise problematisch, doch jetzt drohen den Bewohner*innen der völlige Verlust der Privatsphäre sowie ihre Bewegungsfreiheit und schwere Gesundheitsgefährdungen. Eine kleine Protestaktion, die K. und weitere Bewohner*innen der Unterkunft abgehalten hatten, um bessere Bedingungen zu fordern, wurde von der Polizei unterbunden. Es drohen Strafen, wenn man sich nicht an das Kontaktverbot hält. K. fragt sich, warum nicht den Verantwortlichen der Unterkunft auch Strafen drohen, wenn sie acht Personen in einen Raum stecken. Nachdem K. sich wegen den nicht vorhandenen Schutzmaßnahmen bei der Leitung und der zuständigen Bezirksregierung beschwert hat, drohte man ihm mit „Schwierigkeiten in der Unterkunft“, wenn er keine Ruhe gäbe.

Flüchtlingsselbstorganisation und Protest

Auch in anderen Unterkünften protestierten die Bewohner*innen bereits gegen die Unterbringungsbedingungen und stellten Forderungen auf. In der zentralen Anlaufstelle für Geflüchtete (ZASt) in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) sind die Bewohner*innen in einen Hungerstreik getreten und veröffentlichten einen Forderungskatalog [2] im Internet. Es befinden sich seit Anfang April, als der erste Corona-Fall in diesem Lager bekannt wurde, alle 839 Bewohner*innen in Quarantäne. Niemand (außer die Mitarbeiter*innen) darf das Lager mehr verlassen. Gleichzeitig konnte das Land Sachsen-Anhalt nicht einmal die Versorgung mit dem Notwendigsten wie Hygieneartikeln und Lebensmitteln sichern. Auch gab es im Laufe der Proteste Auseinandersetzung mit den angestellten Securitys. Mittlerweile hat das Landesverwaltungsamt auf die Proteste mit einer besseren Versorgung, Umzug von Risikogruppen, engmaschigerer Untersuchung und neuer Unterbringung von Personen, die mit dem Corona-Virus infiziert sind, reagiert.

In der Landeserstaufnahme (LEA) in Ellwangen (Baden-Württemberg) konnte die Ausbreitung des Virus nicht verhindert werden. Fast die Hälfte der Bewohner*innen ist mittlerweile infiziert, auch diese Einrichtung steht unter Quarantäne. Viele Bewohner*innen haben in den Quarantäne-Blocks keinen Zugang zum Internet, können keinen Kontakt zu Angehörigen aufnehmen und sind auch von sämtlichen Informationen über das Virus abgeschnitten [3].

Es gibt einen gemeinsamen Appell von verschiedenen Initiativen und Organisationen, darunter Women in Exile & Friends, Jugendliche Ohne Grenzen oder We’ll Come United. In diesem fordern sie unter anderem „ (…) eine sofortige Auflösung der Massenunterbringung in Gemeinschaftsunterkünften, Erstaufnahmeeinrichtungen und Ankerzentren. (…) Im gesamten Bundesgebiet stehen zahlreiche Wohnungen, Ferienapartments und Hotels leer. Diese Räume müssen sofort durch die zuständigen Behörden zur dezentralen Unterbringung aktiviert und genutzt werden.“ Darüber hinaus fordern sie einen besseren und barrierefreien Zugang zur Gesundheitsversorgung für alle Menschen und alle Geflüchteten aus griechischen Lagen zu evakuieren [4].

I Furiosi

[1]  In Absprache mit der interviewten Person wurden hier Name und Wohnort anonymisiert.
[2]  Für weitere Informationen: http://antiranetlsa.blogsport.de/2020/04/04/halberstadt-dezentralisierung-jetzt-schutz-vor-infektion-fuer-alle-solidaritaet-mit-den-hungerstreikenden-der-zast-in-halberstadt/
[3]  https://refugees4refugees.wordpress.com/2020/04/13/corona-chaos-in-ellwangen
[4]  Für weitere Informationen: https://welcome-united.org/de/appell-zur-corona-lage/