Krähwinkels Schreckenstage

Heine-Kommentar zum Versammlungsrecht

Mit Brief vom 30. Mai 1854, also nur wenige Monate vor Erscheinen der dreibändigen „Ver­mischten Schriften“, bittet Heine seinen Hamburger Verleger Julius Campe, in der Gedichtsammlung im ersten Band den ursprünglich für den Druck vorgesehenen „Simplizissimus“ durch die Gedichte „Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen“ und „Die Audienz“ zu ersetzen. In diesen Versen attackiert der Dichter die ausufernden obrigkeitsstaatlichen Bestimmungen zum Versammlungsrecht. „Der Obrigkeit gehorchen, ist / Die erste Pflicht für Jud und Christ“, wird in den Versen proklamiert. Und: „Es schließe jeder seine Bude / Sobald es dunkelt, Christ und Jude.“ Dann die Order: „Wo ihrer drei beisammen stehn, / Da soll man auseinander gehn.“ Die Schuldigen sind schnell ausgemacht: „Ausländer, Fremde, sind es meist“, die „den Geist der Rebellion“ gesät hätten – aber auch heimische „Gottesleugner“, denn: „Wer sich von seinem Gotte reißt, / Wird endlich auch abtrünnig werden / Von seinen irdischen Behörden.“ Der Pariser Freund und Kollege Gérard­ de Nerval schwärmte einst, Heine habe „die politische Zukunft vorhergesehen, und er hat sie sogar schon im Voraus verspottet.“

Das spießbürgerliche Provinznest „Krähwinkel“ ist eine Erfindung des Dichters August von Kotzebue. So hatte der im Lustspiel „Die Kleinstädter“ das fiktive Kaff genannt. Zu den Büchern, die Burschenschafter 1817 auf dem Wartburgfest verbrannten, zählten auch die von Kotzebue. Zwei Jahre später verübte Karl Ludwig Sand, einer der Festorganisatoren, die tödliche Messerattacke auf Kotzebue. Heine zog im gleichen Jahr daraus die Lehre: „Wo man Bücher verbrennt, Da verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Im Drama „Almansor“ ist es der Muslim Hassan, der dies sagt, und die Bücherverbrennung – es sind Koranschriften, welche die plündernden und brandschatzenden Christen aus der Moschee herbeischaffen – findet auf dem Marktplatz von Grenada statt. Aber natürlich spielt Heine mit seinem Drama auf das aktuelle Attentat an. Er erkennt darin eine Gesetzmäßigkeit: Wo Menschen keinen Respekt vor Büchern haben, werden sie bald auch keinen mehr gegenüber Menschen zeigen. Nach dem Attentat finden sich in Texten des Vormärz immer wieder Anspielungen auf das Phantasienest „Krähwinkel“. Als 1825 anlässlich der bevorstehenden Karnevalstage die preußischen Behörden für die Altbierstadt eine Vermummungsordnung erließen (wer sich „vermummen“ wollte, musste zuvor auf dem Düsseldorfer Rathhaus eine „Maskenkarte“ erwerben) und eine lange Liste mit Verhaltensmaßregeln für die drei tollen Tage in die „Düsseldorfer Zeitung“ setzten, reagierten die Narren mit Spott. Sie ließen im gleichen Blatt das Protokoll der „Sitzung eines löblichen Magistrats zu Krähwinkel“ erscheinen. Darin wird untersagt, sich an den „revolutionären, heidnischen Umtrieben zu beteiligen“, da „all‘ dergleichen Überbleibsel aus der Zeit der Franzosen platterdings nicht geduldet werden könne.“ Alle Bürger und „desgleichen auch die das Wort führenden Bürgerinnen“ seien zu bewaffnen, um „auf dem Gebiete unserer ehrbaren städtischen Grenze einen Sicherheitscordon gegen alle heidnischen Aufklärungs- und Frohsinnsspektakel“ zu formieren.

Zum Hintergrund: Wie kürzlich hier in der TERZ (03.2021) erwähnt, galt in Düsseldorf weiterhin „das alte rheinische Recht“ und dieses war nichts anderes als der „Code Napoléon“, das französische Zivilrecht. Bei der Machtübergabe an die Preußen war ausgehandelt worden, dass in der Rheinprovinz alte Gesetze Bestandsschutz genießen, der Preußenkönig aber ein Vetorecht gegen alle Gesetzesnovellen hat. Doch da der im Berliner Schloss regierende Herrscher nie bereit war, mehr Freiheiten und mehr Rechtssicherheit zu garantieren, als sie der „Code Napoléon“ bot, fanden die von den Preußen eingebrachten Gesetzesnovellen, die das „alte rheinische Recht“ ersetzen sollten, im Rheinischen Provinziallandtag nie eine Mehrheit. Deshalb galt – Bestandsschutz! – weiterhin das französische Zivilrecht. Eben genau darauf spielt die Bezugnahme auf die „revolutionären, heidnischen Umtriebe“, die als „Überbleibsel aus der Zeit der Franzosen“ charakterisiert werden, an, und deshalb müsse eben „auf dem Gebiete unserer ehrbaren städtischen Grenze“ ein „Sicherheitscordon gegen alle heidnischen Aufklärungs- und Frohsinnsspektakel“ gebildet werden. Ob Heine die witzige Zeitungssatire anno 1825 als Vorlage für sein Gedicht diente, konnte die Forschung noch nicht ermitteln.

Aber der Börsencrash von 1847 – eine der Ursachen für die 48er Revolution – findet sich prophetisch schon 1837 im „Münchhausen“ von Carl Immermann, dem in Düsseldorf lebenden Kollegen und Freund Heinrich Heines, vorweggenommen. Immermann läßt da u.a. den Enkel des Lügenbarons eine „Luftverdichtungskompanie“ gründen, die Luft zu Baumaterial für zukünftige Großprojekte komprimieren soll. „Das ist eben das Größte in der Gegenwart“, so der Lügenbaronnachfahre, „daß so vieles, was lange nur als uraltes Märchen, Bild oder Gleichnis galt … nunmehr durch die Forschungen der Wissenschaft sich als historische Realität ausweiset.“ Das Sprichwort von Luftschlössern komme so durch die „Aktienkompanie zur Würde wahrer Existenz. Luftbauten werden nicht mehr phraseologisch gemeint sein, sondern die Menschen werden wirklich ihr Geld hineinstecken.“ Und noch heute glauben Politiker*innen, uns allerlei Luftnummern und Luftbuchungen als solides Gesetzeswerk verkaufen zu können. Erst kürzlich hat das Bundesverfassungsgericht das, was der Bundestag in langen Sitzungen zum Klimaschutz ausbaldowert hat, als völlig unzureichend erklärt. Oder, um es in einer Sprache zu sagen, welche die betreffende Klasse versteht: Sechs, setzen!

Thomas Giese

Hier nun Heines Gedicht:

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen

Wir Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen.

Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud und Christ.
Es schließe jeder seine Bude
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammen stehn,
Da soll man auseinander gehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
Ein jeder in dem Gildenhaus;
Auch Munition von jeder Sorte
Wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert;
Das Räsonieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet Eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.

Heinrich Heine