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Burschen raus! Die Düsseldorfer „Rhenania Salingia“ im Netzwerk der extremen Rechten

Auch wenn das studentische Verbindungsunwesen in Düsseldorf bei weitem nicht so präsent ist wie in diversen alten Universitätsstädten, gibt es auch hier akademische Männerbünde, sogenannte Korporationen, die sich als „Elite der Nation“ verstehen. Aufgrund ihrer politischen Betätigung besonders hervorzuheben ist die „Alte Hallesche Burschenschaft Rhenania-Salingia zu Düsseldorf‘, die im laufenden „Geschäftsjahr“ 2022 dem eindeutig extrem rechten Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ (DB), vorsteht. Bei der Nachwuchsrekrutierung hakt es bei den „Rheinsalingen“ allerdings, zumal sich die meisten Studenten unabhängig von ihrer politischen Orientierung schwer damit tun, sich in karnevalesk anmutenden Kostümen nach einem festgeschriebenen Regelwerk ins Koma zu saufen. Dass der „Aktivitas“, also den studierenden Mitglieder der „Rheinsalingen“, keine Messlatte im Niveaulimbo zu niedrig ist, stellt sie zuverlässig regelmäßig unter Beweis.

„Frat Lives Matter“?

Am 6. Juni 2020 hängte die „Rhenania-Salingia“ während der „BlackLivesMatter“-Proteste ein Banner mit der Botschaft „Frat Lives Matter“ aus dem Fenster ihres Hauses in der Reichsstraße. Erstmals war dieser Slogan im Februar 2017 im Zuge der Verhaftung von sechs Mitgliedern der Verbindung „Kappa Sigma“ an der „University of Connecticut“ aufgetaucht. Diese Verhaftungen standen im Zusammenhang mit Ermittlungen im Todesfall der 19-jährigen – und somit, was den Konsum und Besitz von Alkohol angeht, im Bundesstaat Connecticut minderjährigen – Jeffny Pally, da die Studenten ihr offenbar in ihrer Todesnacht reichlich Alkohol ausgeschenkt hatten. Die stark alkoholisierte junge Frau wurde von einem Feuerwehrtruck überfahren. Unbekannte sprühten als Reaktion auf die Verhaftungen „Frat Lives Matter“ auf den „spirit rock“ der Universität – bezeichnenderweise am fünften Todestag des Schülers Trayvon Martin, der am 26. Februar 2012 von einem selbsternannten Wachmann erschossen worden war. Nach dem „not guilty“-Urteil für den Täter gründete sich 2013 „BlackLivesMatter“. Die „Rhenania-Salingia“ übernahm damit 2020 eine klar rassistische und misogyne Message. Und das, obwohl deutsche Korporationen eigentlich großen Wert darauf legen, nicht mit US-Fraternities gleichgesetzt zu werden.

Vernetzung, Aktionismus und „konservative“ Frauen

Im Sommer 2020 begann die „Rhenania-Salingia“ damit, Imagefilme auf ihrem YouTube-Kanal zu verbreiten. In einem dieser Filme trat Danica Gleske (geb. Franck), eine der zwei „Gründungsdamen“ der Düsseldorfer „Mädchenschaft Loreley“, einer „Studentinnenverbindung mit musischem Prinzip“, auf. Der Recherche-Blog „Correctiv“ ordnet Gleske einem extrem rechten Instagram-Netzwerk zu, in dem sie „patriotisches“ Influencing betreibe. Auf ihrem betont traditionell weiblich gehaltenen Account findet sich auch ein Foto mit einem „Rheinsalingen“. Unter dem Video kommentierte sie mit ihrem beruflichen „Coboldt Art“-Account, dass sie „jetzt fame im Netz“ würde. Gleske ist mit einem Mitglied der Münchener „Burschenschaft Alemannia“ (DB) verheiratet. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Frauen wichtige Funktionen in rechten Strukturen übernehmen. Durch ihr betont harmloses Auftreten erwecken Gleske und die „Mädchenschaft Loreley“ zunächst den Eindruck, sie seien unpolitisch. Einer näheren Betrachtung hält dieser erste Eindruck allerdings nicht stand.

In einem am 2. Februar 2021 veröffentlichten Video zeigt sich die „Rhenania-Salingia“ u. a. beim Aufhängen eines Banners mit der Forderung, den „Lockdown [zu] beenden“ und die „Uni [zu] öffnen“. Die „Rheinsalingen“ suchten den Anschluss an die Proteste der Pandemieleugner*innen und Impfgegner*innen. Im Juli 2021 wurde zudem das „Rap“-Projekt „Renovatio“ gegründet, in dem der unter dem Pseudonym „jey.kowski“ auftretende Chargierte der „Rheinsalingen“ und HSD-Student Jeremy Franosch den „Rapper“ gibt. Ab etwa Oktober 2021 versuchte hauptsächlich der Chargierte Maximilian Schmitz – sieben Monate später einer von vier Düsseldorfer Landtagsdirektkandidaten der AfD – in der Düsseldorfer Telegram-Gruppe „Studenten stehen auf“ Kontakte zu HHU- und HSD-Studierenden aufzubauen und diese einzubinden. Die „Rhenania-Salingia“ druckte Flyer, die dann hauptsächlich in die Briefkästen der Studierendenwohnheime gesteckt wurden. Die Kontakt- und Kooperationsbereitschaft der Menschen in der „Studenten stehen auf“-Gruppe war allerdings offenbar nicht groß. Bald darauf gaben die „Rheinsalingen“ auf und änderten ihre Strategie.

Im November 2021 lud die „Aktivitas“ der „Rhenania-Salingia“ ein in Zusammenarbeit mit der „Brünner Burschenschaft Libertas zu Aachen“ (DB, pflichtschlagend) erstelltes Video hoch, in dem verkündetet wird, man habe den „DB NRW Tag“, also eine Art burschenschaftliche NRW-Vernetzung, ins Leben gerufen. Besonders in Bezug auf das „Heldengedenken“ in Langemarck, das im Video angesprochen wird, wird einmal mehr deutlich, wessen Geistes Kinder die Burschen sind. Der 1914 von der Obersten Heeresleitung eingeleitete Langemarck-Mythos diente als Propaganda und Heldenkult, ausgebaut vom NS-Staat, der das Massensterben im ersten Weltkrieg zu Heldentaten verklärte. Hieran wird auch deutlich, wie genau es Burschenschaften mit historischen Fakten nehmen, solange es ihrem Narrativ dient. In der Folgezeit tauchten Burschen aus mehreren NRW-Städten gemeinsam bei demonstrativen Aktionen auf, oft zusammen mit Funktionsträger*innen der AfD und deren Jugendorganisation „Junge Alternative“ (JA), zu denen auch der „Rhenane“ Zacharias Schalley zählt. Der ehemalige Aktivist der aufgelösten „Campus Alternative“ ist Mitglied des Meerbuscher Stadtrats, des Landesvorstands der JA NRW und seit der Landtagswahl im Mai 2022 des Landtags NRW.

Im Dezember 2021 nahmen einige „Rhenanen“ – u. a. Schalley und Schmitz – an einer Kundgebung mit dem Motto „Freiheit! Kein Impfzwang für Kinder“ vor dem Landtag in Düsseldorf teil, die federführend von der ehemaligen Aktivistin der „Identitären Bewegung“, späteren Gründerin der extrem rechten Frauengruppe „Lukreta“ und AfD/JA-Aktivistin Reinhild Boßdorf organisiert worden war – in Kooperation mit der AfD und JA. Schalley präsentierte hierbei ein Schild mit der Aufschrift „Für echte Kinderrechte“. Die von Boßdorf geführte Gruppe „Lukreta“ wird aufgrund gleicher Positionen sowohl von der AfD und JA, als auch von Burschenschaften hofiert. Die Beteiligung blieb allerdings mit etwa 80 Personen überschaubar. Weitaus mehr Publikum erreicht haben dürfte eine Instagram-Story des NRW-Landtags anlässlich des „Weltfrauentags“ am 8. März 2022, bei der Boßdorf auf dem AfD-Ticket Gelegenheit bekam, ihre Positionen einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren – ebenso wie Vertreterinnen und Gäste aller anderen Landtagsfraktionen. Gelöscht wurde die Story erst, nachdem die Pressestelle des Landtags von mehreren Seiten über die Hintergründe der extrem rechten Akteurin informiert worden war. Zu kritisieren ist hierbei, dass die anderen Landtagsfraktionen nicht schon vor Veröffentlichung der Story intervenierten. Nicht zuletzt durch Positionen, die teilweise auch der bürgerliche Feminismus Alice Schwarzers vertritt, ist Boßdorf mit ihren Positionen durchaus anschlussfähig an den bürgerlichen Diskurs.

Die Vernetzung wird auf der Straße sichtbar

Während Frauen wie Boßdorf und Gleske Zugänge zu bürgerlichen Kreisen erschließen, sind die Burschen weiter mit ihrer Vernetzung beschäftigt. Am 12. März 2022 zeigte sich ein Novum. Zusammen mit anderen Bünden der DB, aber auch der „Allgemeinen Deutschen Burschenschaft“ (AdB) lief die Aktivitas der „Rhenania-Salingia“, ausgerüstet mit Deutschlandfahnen und einem Banner mit der Botschaft „200 Jahre für die Freiheit“, auf einer Düsseldorfer Demo der Pandemieleugner*innen und Impfgegner*innen mit. Allerdings kassierte die Polizei ihr Banner, wogegen mit „Gedanken sind frei“-Geträllere protestiert wurde. Mit dabei war auch der JA-Vorsitzende NRW, Felix Alexander Cassel von der „Frankonia Bonn“ (pflichtschlagend, AdB), sowie der extrem rechte Düsseldorfer Szeneanwalt Björn Clemens, ehemals stellvertretender Bundesvorsitzender der extrem rechten Partei „Die Republikaner“. Clemens ist „Alter Herr“ der „Marburger Burschenschaft Rheinfranken“ und gehört gleichzeitig der „Rhenania-Salingia“ an. Auf dem „gesamtdeutschen Burschentag der Deutschen Burschenschaft“ vom 9. bis 11. Juni 2022 in Eisenach wurde ihm die Diskussionsleitung übertragen.

Die erwähnte NRW-Vernetzung zeigte sich anlässlich einer Veranstaltung von „INPUT – antifaschistischer Themenabend“ zum Thema „Die Deutsche Burschenschaft und die Rhenania-Salingia unter der Lupe“ am 26. April 2022 auf dem HHU-Campus erneut. Insgesamt etwa 15 Personen – „Rhenanen“ und Mitglieder anderer Bünde aus NRW – versuchten, die Veranstaltung zu stören und sich trotz Ausschluss Zutritt zu verschaffen. Mit dabei: Björn Clemens. Das Unterfangen scheiterte kläglich, so dass man sich damit begnügen musste, eine halbe Stunde lang ankommende Teilnehmer*innen zu nerven und abzufilmen, was dann letztendlich ein Platzverbot zur Folge hatte. Was sich aber an der Aktion zeigt, ist, dass „Rhenanen“ und Co. jegliches Durchleuchten und Offenlegen ihrer Netzwerke und jegliche Kritik verhindern wollen. Aber auch Mitglieder anderer Korporationen schienen sich für die Veranstaltung zu interessieren, so etwa zwei junge Männer, die sich als Mitglieder der „K.D.St.V. Burgundia (Leipzig) – zu Düsseldorf im CV“ (Katholische Verbindung, nicht schlagend) zu erkennen gaben und zumindest in einem Kennverhältnis zu den anwesenden „Rheinsalingen“ stehen. Da aber sämtliche Plätze im Veranstaltungsraum bereits belegt waren, konnten auch sie nicht teilnehmen. Ob der Teilnahmewunsch einem ehrlichen Interesse an Informationen entsprang und die behauptete Distanz zur „Rhenania“ mehr als leere Worte und Imagepflege sind, konnte nicht geklärt werden.

Im Auge behalten!

Am 2. Juni 2022 gratulierte die DB „herzlich ihren Verbandsbrüdern“ Zacharias Schalley, Hartmut „Beuker“ (Wuppertal, tatsächlich heißt er Beucker) und Klaus Esser (Düren) zu ihrer Wahl in den NRW-Landtag. Und rief zugleich in den Landtag gewählte Personen aus Nicht-DB-Bünden dazu auf, ebenfalls „stets das Wohl Deutschlands und des gesamten Deutschen Volkes im Auge [zu] behalten“. Insbesondere die DB-Burschenschaften sorgen für Nachwuchs für die AfD – und ziehen ihre „Bundesbrüder“ in gut bezahlte Mitarbeiterstellen nach. So würde es zum Beispiel niemanden verwundern, wenn im Abgeordnetenbüro des „Rheinsalingen“ Schalley demnächst ein Mitarbeiter aus den Reihen der „Rhenania Salingia“ sitzt. Rechte Korporationen spielen eine wichtige Rolle bei der Vernetzung der AfD mit der außerparlamentarischen Rechten, die wiederum Anschluss an bürgerlich-konservative und liberale Spektren sucht. Gründe genug also, um kontinuierlich ein waches Auge auf Studentenverbindungen zu werfen.

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V.i.S.d.P. ist der*die amtierende AstA-Vorsitzende.