Kein schöner Land?

Das Berliner „apabiz“ sammelt, archiviert und analysiert Daten und Materialien über Ereignisse, Entwicklungen und Hintergründe zur extremen Rechten. Unter dem organisatorischen Dach des „antifaschistischen pressearchivs und bildungszentrums berlin e.V.“ entsteht nun ein Projekt, das neue Perspektiven auf die Spitze eines traurigen Daten-Eisberges ermöglicht: rechtesland.de, eine interaktive Online-Deutschlandkarte, macht Orte, Ereignisse und historische Wurzeln rechter Strukturen sichtbar.

„Mensch wächst mit seinen Aufgaben“, mag durchaus eine schulterklopfende Aufmunterungsfloskel sein. Im Falle des neuen Web-Karten-Projektes, dass seit einigen Monaten online ist und unter der Administration und Organisation des apabiz in Zukunft wohl – leider – nicht unverändert bleiben wird, bekommt der Spruch einen faden bis bitteren Beigeschmack. Seit Anfang der 1990er Jahre sammelt das Archiv als Verein nun bereits rechte Publikationen, Tonträger und Videos und füttert Datenbanken zu rechten Übergriffen, Organisationen, Personen und Strukturen. Entstanden aus einem Kreuzberger Antifa-Archiv füllen Bibliothek und Dokumentensammlung des apabiz heute eine ganze Fabriketage und wohl kaum weniger weitläufige elektronische Lagerhallen im Festplattenformat: randvoll mit Informationen zur rechten Szene, zu ihren ideologischen Erscheinungsformen, historischen Hintergründen, personellen Kontinuitäten und ihrem ‚öffentlichen Auftreten‘ vom Aufmarsch bis zum – mitunter mörderischen – Übergriff. Vor allem im Zusammenhang mit Attentaten, Morden und Netzwerken des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) wurden die Expert*innen vom apabiz zur gefragten Auskunftei, wenn es darum ging, solche Informationen zu ‚entdecken‘ und im bundesdeutschen Blätterwald als überraschend und neu zu präsentieren, die dort schon längst gesammelt und aufbereitet – kurzum: bekannt waren.

Das apabiz begreift sich als Plattform und Ressource, um alle jene zu unterstützen, die dem „Wiedererstarken rechtsextremer Ideologien entgegen[treten]“ wollen. Um hierfür mit Nachdruck, klug und vor allem immer wieder entschieden aufzutreten, braucht mensch „Entschlossenheit, Kreativität und Wissen“. Letzteres stellt der Verein seit nunmehr drei Jahrzehnten mit einer ganzen Reihe von unterschiedlichsten Materialien und Möglichkeiten (seien es Arbeitsplätze in der kilometerlangen Bibliothek, konkrete Auskünfte oder auch das Referent*innen-Know-How zu einem ganzen Katalog von buchbaren Bildungsveranstaltungen) zur Verfügung – allen, die es haben wollen! Mensch muss nur fragen – oder fragen wollen.

Neben Archiv und Bildungsarbeit bilden Netzwerk-Arbeit und Projektunterstützung ein weiteres, vielleicht gewichtigstes Standbein von apabiz. So hat es sich der Verein nach eigener Darstellung ganz besonders zur Aufgabe gemacht, „Initiativen gegen Rassismus, Antisemitismus und Neofaschismus“ zu fördern und zu vernetzen.

Braune Deutschlandkarte

Diese drei Schwerpunkte (Wissen sammeln – Wissen bereitstellen und abfragbar machen – Wissen vernetzen) kommen nun mit auf „rechtesland.de“ zusammen. Die Datenbank-basierte interaktive Deutschlandkarte markiert im Schicht-System Orte rechter Aktivitäten, Übergriffe und Morde: Per Mouse-Klick wird die Fläche der heutigen BRD zusehends gesprenkelt durch farbige Punkte, die Nazi-Aufmärsche, Tatorte von rechter Gewalt und Orte, an denen Menschen durch Nazis ermordet wurden, kennzeichnen. Wer mit Auswahl des Menüpunktes „Geschichte“ Informationen zur geographischen Lage von Gebäuden und Anlagen, zu denen schon seit spätestens 1933 pilgerte, wer Nazi war oder werden wollte, zusätzlich einblendet oder „Erinnerungsorte“ wie etwa Synagogen oder Gedenkstätten hinzuwählt, der staunt nicht schlecht über die Dichte der allzu oft doch ziemlich nah beieinanderliegenden Punkte. Gerade diese Übereinanderschichtung der verschiedenen Informationsebenen lässt enorm deutlich werden, dass es wirklich phantasievoller Argumente bedarf, wenn doch bisweilen immer noch behauptet wird, dass die extreme Rechte kaum historisches Bewusstsein habe oder sich nur in Ausnahmen an historischen Vorbildern (vom Personen- und Ritenkult bis zur Weihestätte einer scheinbar esoterisch durchgeknallten SS) orientiere.

In dieser Weise „bereits vorhandenes Wissen bündeln und ortsbezogen darzustellen“ ist erklärtes Anliegen, das apabiz wichtig ist, wie es im Februar 2013 im vereinseigenen Rundbrief „Monitor“ (Nr. 58, download über die apabiz-Homepage) heißt. Aber auch die Integration neuer Informationen macht die Seite „rechtesland.de“ zum bald wohl unverzichtbaren Tool für alle, die mit den Mitteln des zusehends gewichtiger werdenden Daten-Journalismus Einzelfälle recherchieren, über Strukturen berichten, historische oder geschichtspolitisch relevante Zusammenhänge darstellen wollen. Solche zeigt die Karte z.B. für das südliche Bayern: Ob ein „Lern- und Erinnerungsort“ wie die vom Münchner „Institut für Zeitgeschichte“ konzipierte und geführte Dauerausstellung „Dokumentation Obersalzberg“, in unmittelbaren Nähe zur zweifelhaften Aura des Kehlsteinhauses gelegen, nicht ein vielleicht gut gemeinter, aber am Ende schlechter Versuch ist, einem historischen Ort seine Attraktivität für die Nazis von heute und morgen zu nehmen, steht bisher nur zu vermuten. Für Nordrhein-Westfalen hat zumindest die „Ordensburg Vogelsang“, die seit 2006 an NS-Geschichte interessierte Besucher*innen in Scharen in den „Nationalpark Eifel“ zu locken versteht, das Potential, „zu einem ‚braunen‘ Pilgerort“ zu werden (lotta-blog, presseschau vom 3.1.2012). Die „rechtesland“-Karte vermag zu diesem konkreten Beispiel aus NRW noch keine Auskunft zu geben, selbst wenn mensch alle angebotenen Kategorien von Informations-Schichten auswählt.

Doch das kann sich rasch ändern. Denn „rechtesland.de“ versteht sich auch als Sammel-Punkt für aktuelle Informationen aus den Regionen. Als Administrator*innen sammeln die Rechercheur*innen von apabiz Beobachtungen zu Nazi-Aufmärschen, Flyer- und Propaganda-Aktivitäten, rechter Gewalt und Übergriffen, wie Initiativen und Einzelpersonen sie dem Antifa-Archiv übermitteln. Gesichert müssen die Daten sein, das gilt als Voraussetzung für die Nutzung der Informationen, damit apabiz die Angaben redaktionell betreuen, aufarbeiten und in die Karte einspeisen kann. Als „News“ werden sie hier sukzessive abrufbar gemacht. Auf diese Weise bündelt die Karte auch Meldungen von lokalen Beobachter*innen zur rechten Szene in den Regionen, deren Existenz und Auftreten bisher nur in den seltensten Fällen überregional wahrgenommen wurde oder die – im schlimmsten Fall – bisweilen als anekdotische ‚Erscheinungen‘ aus Hintertupfing oder Pusemuckel unter „ferner liefen“ unterging. Insofern versteht sich die geo­graphisch ausgerichtete Informations-Plattform auch als Drehscheibe für das vielerorts mehr als fundierte „Wissen über Neonazis, ihre Strukturen, Aktivitäten und Gewalttaten […]“, das durch „Antifa-Gruppen, Initiativen und Engagierte vor Ort“ zwar gesammelt, allzu häufig aber nicht ernst genommen werde, so Felix Hansen im apabiz-Rundbrief „Monitor“. „Durch den Zugang über eine Karte“ könnten diese Kenntnisse weiter verbreitet und das Engagement der Beobachter*innen und Antifa-Initiativen bekannter gemacht werden. Denn schließlich stelle „rechtesland.de“ einen „Atlas mit Informationen und Quellen“ zur Verfügung, der weit mehr als die „reine Darstellung von Ereignissen“ leisten könne: Wer mehr über die markierten Orte erfahren wolle, könne sich durch die eingebundenen links direkt auf den Homepages derjenigen informieren und austauschen, die das Wissen bereitgestellt hätten. So führt bei „News“ ebenso wie im Menüpunkt „Rechtes Land“ jede Markierung auf der Karte zu einer überprüfbaren Quelle – seien es lokale Antifa-Wissensbestände oder große Daten-Erhebungen wie etwa die der „Recherche zu Todesopfern rechter Gewalt 1990-2013“ von „Zeit Online“ oder auch Erkenntnisse aus Anfragen der LINKEN in Länder- oder Bundesparlamenten.

Alles wird sichtbar

So wächst „rechtesland.de“ als Daten-Plattform vermutlich schneller, als uns lieb ist – womit wir zurück bei den Aufgaben sind, zu denen sich mensch gleichsam wachsend ins Verhältnis setzen muss, je schneller sie wuchern. Schöner wär‘s – kein Zweifel – es gäbe nichts oder zumindest deutlich weniger zu ergänzen auf „rechtesland.de“. Der partizipative Charakter, durch den die Daten- und Informationsplattform gefüttert oder besser: wohl oder übel gefüttert werden wird, ist eine Stärke des Online-Projektes. Augen-Aufhalten lohnt sich hier. Nicht allein, weil Beobachtungen ernst genommen werden. Vielmehr ist es auch die Sichtbarkeit, die relevant ist. Denn mit Blick auf „rechtesland.de“ und die vielfältigen Möglichkeiten, auf diese Weise Informationen zu bündeln und zu schichten, kann nun kaum eine*r mehr sagen, dass im Dickicht der Städte oder in den Weiten des platten Landes keine*r nix gewusst und nichts gesehen hätte. Und das gilt auch für diejenigen Menschen, die im Auftrag von staatlichen Ermittlungs-Behörden zu rechter Gewalt zu arbeiten meinen. Selbst wenn mensch aufrichtiges Interesse an Aufklärung unterstellen wollte, gibt es nun wohl keinen Grund mehr, vor lauter Berührungsängsten auf die Expertise so bezeichneter „Linksextremisten“ (apabiz stand wiederholt und auf Zuruf von Rechts im Visier von Staatsschutz und LKA, wie die taz mit „Neonazis schicken Staatsschutz“ am 28.9.2012 berichtete) zu verzichten. „Wir haben von all dem nichts gewusst“ wird als Verdrängungstaktik immer unglaubwürdiger, je intensiver antifaschistische Initiativen und Projekte ihr Wissen quasi barrierefrei der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Das mag ein Ansporn sein, auch in NRW keine Skrupel zu haben, Antifa-Info-Telefonnummern zu nutzen, Informationen zu sammeln und Beobachtungen von Nazi-Aktivitäten festzuhalten und sie z. B. durch die Vermittlung an apabiz sichtbar zu machen. Selbst wenn sich so mancher Neonazi beim Anblick der vielen Ereignis-Orte auf „rechtesland.de“ seiner ‚Erfolge‘ brüsten mag, kann es doch nur umso sinnvoller sein, den Finger für alle sicht- und durch gute Recherche nachvollziehbar auf die offensichtlichen oder bisher unsichtbaren Faschos zu richten. „Wegleugnen war einmal“ und „davon haben wir nichts gewusst“ wird umso deutlicher zur Drei-Affen-Farce, je lauter immer wieder auf die Tatsache hingewiesen wird, dass wir es nicht mit Bagatellen oder einem „Oben-Buckeln-unten-Treten“ einer Absturz-und „Überfremdungs“-phobischen weißen Mittelschicht im Überlebenskampf in Zeiten sozialer Kälte zu tun haben, – sondern mit Mord, Körperverletzung, Demütigung und Diskriminierung.

Sichtbarkeit ist ein Anfang. Und vielleicht fangen wir am 25. Mai in Solingen an – im echten Leben, nicht virtuell!

Die Antifa-Infonummer lautet:
01573 – 62 52 709

Die hier verwendeten Zitate zur Selbstdarstellung des apabiz sowie zum Projekt „rechtesland.de“ sind der Homepage des Vereins (www.apabiz.de) bzw. dem apabiz-Rundbrief „Monitor“ Nr. 58 (Febr. 2013) entnommen. Nähere Infos zur Entstehung und vor allem zur Finanzierung des Projektes „rechtesland.de“ durch eine Crowdfunding-Kampagne finden sich auf startnext.de/rechtesland. Wer wissen möchte, wie mensch sich mit Informationen am Aufbau der Karte beteiligen kann, wird auf blog.rechtesland.de fündig. Weitere Themen-Zugänge auf Basis Daten-journalistischer Methoden sind z.B. nsu-watch.apabiz.de/zeitleiste oder über blog.schattenbericht.de/berlin (Daten-Leiste zu Anti-Antifa-Aktivitäten in Berlin).