Legal – illegal – Kunst

Im September mischt das „40 Grad Urban Art“-Festival die Farbtöpfe an und packt Spraydose und Spachtel aus. Vom 6. bis 22. September organisieren „Farbfieber“ und der Verein „Düsseldorfer Künstler“ zusammen mit dem „Kinderclub Kiefernstraße“ und der Galerie „Pretty Portal“ mit Unterstützer*innen aus der Düsseldorfer Kunst- und Kulturszene Wandmalaktionen, Workshops und Mitmachaktionen, Partys, Film- und Vortragsveranstaltungen rund um das Thema „Urban Art“. Kunst im öffentlichen Raum aus der Schmuddelecke herauszuholen, für ihre Anerkennung als kreative Aneignung einzutreten und für ihre künstlerische Wertigkeit ein sichtbares Zeichen zu setzen – das ist Anliegen der Veranstalter*innen und der beteiligten internationalen Künstler*innen. Doch die Grenzen zwischen Aufwertung und Verwertung sind bisweilen durchlässig, und Förderung kann auch eine Fessel sein.

In einschlägigen Kunst-Journalen wie im Feuilleton-Wald der bundesdeutschen Presselandschaft viel zitiert ist seit der Kunstausstellung „documenta 13“ im Sommer letzten Jahres der kraftvolle O-Ton ihrer Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev. In einem Interview mit der taz (1.6.2012) machte sie keinen Hehl aus ihrer Haltung: Sie möge „keine allzu direkte, explizit inhaltliche politische Kunst.“ Denn, so Christov-Bakargievs Wahrnehmung: „Manchmal laufen dann all diese reichen Leute durch und sagen sich: ‚Was bin ich cool!’“ Wenn die Kuratorin eines so riesigen und weithin beachteten Ausstellungsprojektes wie der documenta über Kunst als politisches Statement in einer konsumorientierten Welt spricht, ist das in dieser Form als Provokation lesbar. Immerhin ist die documenta mit 860.000 Besucher*innen, einem Tages-Eintrittspreis von 20 Euro, einer Dauerkarten-Option für 100 Euro und einem Gesamtetat von 24,6 Millionen Euro wahrlich keine „Umsonst und Draußen“-Veranstaltung. Im Kleinen stellt sich genau diese Frage nach der Vermittelbarkeit, Anerkennung und Verwertbarkeit von (politischer) Kunst auch für das Festival „40 Grad Urban Art“. Ein aberwitziger Spagat deutet sich da an, wenn Künstlerinnen und Künstler, die sich durch Graffitis, Wandmal-Aktionen, Stencils, Urban Knitting (städtisches Stricken) oder Guerrilla Gardening der Urban Art zuordnen mögen, zugleich durch ihre Kunst im öffentlichen Raum Freiräume beanspruchen und – sehr zu Recht – besetzen, mit ihrer Kunst politische oder politisch lesbare Aussagen machen, das andererseits aber auch nicht brotlos tun möchten. Jetzt finanzieren neben Einzelpersonen und Unterstützer*innen vom Gerüstbau-Unternehmen bis zur Hubwagen-Firma auch die Landeshauptstadt Düsseldorf und der Landschaftsverband Rheinland das Düsseldorfer „40 Grad Urban Art“-Festival mit.

Wo Street Art, Wandmalkunst und Graffiti einst komplett illegal waren, treten sie heutzutage unter dem Oberbegriff „Urban Art“ verstärkt als anerkennungswürdiger Ausdruck künstlerischer Raumergreifung auf. Werden sie nun also im Kunstbetrieb unterstützbar, förderbar oder verwertbar für Stadtmarketing- und Tourismus-Fragen? Wie sieht es vor diesem Hintergrund mit der Wandmal-Aktion aus, mit der im März 2010 in einer „Freiräume für Bewegung“-Aktion – illegal – die Bahnunterführung vom Mintropplatz zur Ellerstraße unter anderem auch mit den Bildern von „Farbfieber“ verschönert wurde? Strafrechtlich relevante Sachbeschädigung, die gleichzeitig Kunst ist und als Geschenk mit Schleifchen und Grußkarte an eben die Stadtverwaltung geht, die jetzt ein ganzes Festival sponsert? Und was sagt mensch zur Tourist*innen-Attraktion „Kiefernstraße“, deren bunte Fassaden einen ganzen Straßenzug vor dem Abriss schützen könnten, dabei gut aussehen und irgendwie „cool“ sind?

Ketzerische Fragen, auf die das „40 Grad Urban Art“-Festival mit seinen zahlreichen Veranstaltungen in Theorie und Praxis vielleicht die eine oder andere aktivistische – legale – oder intellektuelle Antwort findet. Gespannt sein darf mensch auf jeden Fall auf die Vorträge und Diskussionen von und mit Klaus Klinger (8.9.) und Thomas Giese (17.9.), deren Einschätzungen aus etlichen Jahren Wandmalaktionen „Butter bei die Fische“ geben dürften. Der Abend mit Thomas Giese, der über lange Zeit mit Klaus Klinger gemeinsam in der „Wandmalgruppe Düsseldorf“ aktiv war, könnte vor allem aus historischer Perspektive Erhellendes zur Standort-Bestimmung der Urban Art beitragen: Er beschäftigt sich am 17. September im „damenundherren“ mit einer 1989 sehr kontrovers aufgenommenen Ausstellung der Wandmalgruppe im Düsseldorfer Stadtmuseum.

Den Aufschlag zum Festival macht am 6. September 2013 das Pretty Portal mit der Eröffnung einer Ausstellung von Arbeiten einiger Festival-Künstler*innen. Der große Abschluss-Tusch findet mit dem „40° Finale“ am 22. September im Boui Boui Bilk – für sich schon eine spannende Raum-Aneignung zwischen Kunst und Kommerz – statt. Dazwischen ist genügend „Raum“ und Zeit, sich selbst ein Bild zu machen, selbst den Pinsel zu schwingen oder mit zu diskutieren. Doch zuvor sprach die TERZ mit Vera Sattler, einer der Mitorganisator*innen vom Verein „Düsseldorfer Künstler e.V.“.

TERZ: Wie ist die Idee zu dem Festival entstanden?

Vera Sattler: Klaus Klinger feierte mit dem „Farbfieber“-Verein im letzten Jahr das 25-jährige Jubiläum, und da hat er gedacht, es wäre doch schön, Düsseldorf mal für dieses Thema zu sensibilisieren, weil andere Städte da viel, viel weiter sind und Graffiti oder Urban Art fördern.

TERZ: Liegt darin nicht ein gewisser Widerspruch: Die Urban Art beschreibt sich selbst als subversiv und sozialkritisch und fordert auf der anderen Seite offizielle Anerkennung von Seiten der Stadt?

VS: Kunsthistorisch ist es ja so, dass die Aufgabe der Kunst eigentlich sein sollte, gesellschaftskritisch zu sein – egal in welchen Genres. Aber wogegen auch wir sind, das sind die illegalen Schmierereien an Wänden. Was wir machen, sind Wand-Gestaltungen, künstlerisch hochwertige Arbeiten, die natürlich im Einverständnis mit den Hausbesitzern entstehen. Wir fragen jedoch auch, und das ist ein bisschen der Vorwurf in Richtung Stadt: Plätze, die so gammelig sind, die Unterführungen, die so trist und grau sind – warum schafft man da nicht die Möglichkeit, dass diese Kunstform dort ausgeübt werden kann, ganz offiziell?

TERZ: Aber wenn man, wie zum Beispiel bei der Umgestaltung des Tunnels an der Ellerstraße, offen gegen die Stadtentwicklungspolitik Position bezieht, kann man doch nicht noch erwarten, dass die Stadt das gutheißt, solche Arbeiten fördert und womöglich noch in ihren Museen ausstellt.

VS: Dass das funktioniert, sieht man ja daran, dass die Stadt und das Land das Festival unterstützen. Es ist so, dass Graffiti oder die ganze Urban Art als Kunstform verstanden wird. Und da finde ich es legitim, dass man dafür Unterstützung erwartet, wie es sie für andere Kunstformen ja auch gibt. Ich finde es nicht richtig, dass man die Urban Art dabei ausgrenzt.

TERZ: Ist die Urban Art nicht momentan dabei, ihre Identität zu verlieren? Sie ist der illegalen Praxis entwachsen, aber auch im normalen Kunstbetrieb noch nicht angekommen, obwohl sie sich wachsender Anerkennung erfreut. Man merkt das meiner Meinung nach auch an manchen Arbeiten. Wenn man sich zum Beispiel das umgestaltete Toilettenhäuschen am Frankenplatz anschaut, dann ist das sehr dekorativ, nett und bunt, aber auch nichts weiter.

VS: Ich sehe es durchaus auch so, dass Urban Art auf dem Weg ist, vielleicht ein wenig zu kommerziell zu werden.

TERZ: Wirklich problematisch finde ich das Angebot des Festivals, dass Sponsoren auf einem Wandbild verewigt werden sollen, wenn sie das wollen.

VS: Da wir nicht genug Geld von Stadt und Land bekommen, sondern nur einen Zuschuss, haben wir versucht, über Crowdfounding noch Geld einzusammeln und Förderer zu finden. Und man muss sich, wenn man sein Projekt auf den entsprechenden Portalen vorstellt, überlegen, wie man sich bei den Spendern bedankt. Da haben wir uns überlegt, dass wir ganz nah an der Kunst bleiben wollen. So haben wir einen Entwurf für eine große Giebelwand entwickelt, die aus Menschen besteht, aus Gesichtern, und wenn jemand uns einen hohen Betrag spendet, da kann er sich als Dankeschön in diesem Bild wiederfinden. Das ist, finde ich, eine sehr unkonventionelle und auch charmante Idee. Und das zeigt auch, dass beide Seiten bereit sind, Brücken zu bauen. Also wir wehren uns wirklich gegen jegliche Schmiererei. Wofür wir aber eintreten, ist eine künstlerische Gestaltung des öffentlichen Raumes, die durchaus auch kritisch sein soll. Wir treten auch dafür ein, dass die Sprayer eine „Hall of Fame“ bekommen, eine Wand, die immer wieder neu gestaltet werden kann, was eigentlich auch längst zugesagt ist. Mit diesen Dingen wollen wir auch helfen, das Ganze auf eine legale Ebene zu stellen.

TERZ: Aber kann es nicht auch sein, dass die Kunstform durch ihre Legalisierung etwas verliert?

VS: Ach, das weiß ich gar nicht. Man muss glaube ich unterscheiden. Es gibt die Sprayer, die sind meistens ganz jung, die ziehen nachts durch die Gegend, taggen schnell was an die Wand, was natürlich nicht so schön werden kann, weil die Zeit zu knapp ist und man Angst hat, dass man entdeckt wird. Und dann gibt es die Sprayer oder Graffiti-Künstler, die einen unglaublich hohen künstlerischen Anspruch haben und die einfach dieses Medium für sich nutzen. Da unterscheiden sich dann auch die beiden Welten, selbst wenn die, die heute anerkannt Wandbilder machen, mal aus dieser ganz frühen Szene kamen. Es gibt in Düsseldorf sehr viele Wandbilder, meistens von Farbfieber, und wir wollen das einfach mal zeigen und bewusst auch aus dieser Ecke rausrücken und in seiner ganzen kritischen Art auch einmal gewürdigt wissen.

TERZ: Vielen Dank für das Interview!

Das gesamte Programm, Termine, Locations und alles, was das Kunst- und Künstler*innen-Herz hierzu begehrt auf
www.40grad-urbanart.de.