1968 – zum letzten

Gleich mehrere Ausstellungen hatten sich in Düsseldorf „1968“ gewidmet: Das Institut Français zeigte „AU CŒUR DE MAI 68“, Photographien von Philippe Gras, das Heinrich Heine Institut „¿Revolution! 1848, 1918, 1968“ (Besprechung in TERZ 05.18), im UB-Foyer gab‘s „1968 – Uni: Normaler Lehrbetrieb?“ (TERZ 06.18 + TERZ 05.18) Es folgten „text text context/Eine 68er Spätlese“ im BiBaBuZe (TERZ 09.18), die bis zum 30. November verlängert ist, und „Rebellion im Dorf“ im Gerhart-Hauptmann-Haus.

Es habe „eine Studentenrevolte gegeben“, in deren Folge „eine Menge Studenten, Literaten und andere junge deklassierte Bürgerliche in die Partei eingetreten und gerade zur rechten Zeit gekommen [seien], um den größten Teil der Redakteurstellen in den neuen Zeitungen einzunehmen“, ließ Friedrich Engels im August 1890 Paul Lafargue per Brief wissen. Diese Studenten „betrachten gewohnheitsmäßig die bürgerliche Universität als eine sozialistische Schule“, den Uniabschluss als Diplom, der ihnen das Recht gäbe, „in die Reihen der Partei mit dem Offizierspatent, wenn nicht Generalspatent, einzutreten.“ Engels polemisch: „Diese Herren machen alle in Marxismus“, aber, so Engels‘ Vermutung, Karl Marx würde „von diesen Herren das sagen, was Heine von seinen Nachahmern sagte: Ich habe Drachen gesät und Flöhe geerntet.“ Hegel war der Überzeugung, dass alle großen weltgeschichtlichen Begebenheiten sich sozusagen zweimal ereignen. Hegel habe „vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce“, kommentierte Marx. War 1968 die Farce?

Rebellion im Dorf

Das Erfrischende an „Rebellion im Dorf“ war, dass „1968“ schlicht als Synonym für „Eine Andere Gesellschaft“ genommen wurde. Da diese Ausstellung bereits am 2. November endet, will ich mich hier darauf beschränken, meine ganz persönlichen Reflexionen zur Schau der Oberkasseler Keyworker zu protokollieren. Liebevoll und detailreich fand ich zusammengestellt, was sich wie in jenen Jahren radikal veränderte, was als Musik angesagt war, wie die Düsseldorfer Spieloasen-Initiative eine kindgerechte Gestaltung von Umweltbrachen selbstorganisiert in Angriff nahm, Student*innen sich zu der „Aktion Wohnungsnot“ zusammenschlossen, eine starke Frauenbewegung entstand. Den breitesten Raum nahm Beuys ein. ZERO, Günther Uecker, das Creamcheese und Immendorfs LIDL-Akademie wurden als Teil der lebendigen Kunstszene zwar erwähnt, dennoch bildete der selbsternannte Schamane das alles überragende Zentrum. Personenkult auf der einen, grassroots-Initiativen auf der anderen Seite fanden sich auf diese Weise in einen spannungsreichen Kontrast gesetzt. Kritik an Beuys fand sich ebenfalls, und zwar in Form jenes Schreibens, mit dem acht Kollegen gegen den Akademieprofessor und die Parteigänger der von ihm initiierten „Deutschen Studentenpartei“ zu Felde zogen. „Anmassender politischer Dilettantismus, Sucht nach weltanschaulicher Bevormundung, demagogische Praktik“ und in deren Folge: „Intoleranz, Diffamierung und Unkollegialität“ wurden Beuys vorgehalten. „Konferenzen arten aus in pseudopolitisches Geschwätz und provokatorische Kritik“. Der 1. Sprecher des AStA missbrauche seine Position „für die Propagierung der Ideologien der Deutschen Studentenpartei“, lautete ein weiterer Vorwurf. Der künstlerische Rang von Beuys solle aber keineswegs in Frage gestellt werden. „Die von ihm eingenommene derzeitige künstlerische Position“ könne sogar „für die Hochschule von grossem Nutzen sein, wären sie nicht gekoppelt mit einem sich immer deutlicher dokumentierenden Willen nach Macht […].“

Lust auf Veränderung

Vor 15 Jahren konstatierte ich hier in der TERZ zum Thema Beuys: „Die Lust auf Veränderung nicht an einem Holzklotz oder Marmorbrocken auszulassen, sondern auf gesellschaftliche Zustände zu lenken – gegen diese Utopie von Joseph Beuys ist erst mal nichts zu sagen.“ Beuys war in den 60ern ein Idol für viele. „Den Vätern daheim wollte diese Nachkriegskindergeneration all die Kriegslügenmärchen nicht mehr glauben. Der Schamane wurde so zum idealen Vaterersatz. Und dem nahmen sie auch noch die blödeste Tatarenschmonzette ab“, hiermit auf sein abstruses Märchen vom Absturz auf der Krim anspielend. Damals hatte ich geschrieben: „Die Jüngerschaft glaubte alles. Zu übermächtig war offensichtlich deren Bedürfnis nach einer makellosen Vaterfigur. Andere suchten sich damals woanders ihre ‚guten Väter‘. Die konnten Freud oder Marcuse heißen, Marx oder Mao.“ („Falscher Jesus unter Irren“; TERZ 12.03)

Kritisch hatte der Kunstwissenschaftler Benjamin Buchloh bereits 1980 im New Yorker „Artforum“ in „The Twilight of the Idol“ zu Beuys angemerkt: „Gerade die Verneinung der Verantwortung einer Beteiligung an der Geschichte des deutschen Faschismus und des Zweiten Weltkriegs“ seien es, die im Werk von Beuys (und somit auch im Denken seiner unkritischen Rezipient*innen) „unausgesetzt auf dieses Problem der Verdrängung hinweisen.“ Die unscharfen Begriffe und von Beuys in die Welt gesetzten (Tot-)Schlagwörter werden heute zum Teil von Rechtsaußen aufgegriffen. Michael Brück, der für die Partei „Die Rechte“ im Dortmunder Stadtrat sitzt, sagte im September gegenüber Westpol, er wolle die Veränderung der Zustände. Ob es danach „eine Diktatur geben sollte oder eine Demokratie“ könne er nicht beurteilen. Ihm würde es schon genügen, „diese Zustände, die Parteiendiktatur, die wir de facto jetzt haben, abzuändern.“ Eins der von Beuys geprägten Schlagwörter lautete tatsächlich: „Gegen die Parteiendiktatur!“

Rebellische Orte?

So sehr sich die Keyworker auch um Aufklärung bemühten, trug die „Rebellion im Dorf“ aber auch zur Verdunkelung bei. So fanden sich auf dem vergrößerten Stadtplan unter dem Titel „rebellische Orte“ neben dem ersten besetzten Haus, dem Gebäude, wo unter Vorsitz des Künstlers H.P. Alvermanns das Republikanische Centrum Düsseldorf gegründet wurde und wo Daniel Spörri sein Eat-Art-Restaurant eröffnete, und weiteren Orten des Protests und Sit-Ins auch der Eintrag: „Seit 1968 finden in Düsseldorf die jährlichen Bundestreffen der Danziger, Oberschlesier und Ostpreußen mit bis zu 20.000 Teilnehmern vor dem Rathaus statt.“ Diese waren in der Tat „rebellisch“ auf ihre Art, rebellierten dagegen, die DDR als Ostdeutschland zu bezeichnen, denn der Osten begann für etliche erst ab Danzig bis hin zu Ostpreußen. Diesen Revanchismus mit der Gründung des republikanischen Centrums auf eine Ebene zu stellen, ist statt Aufklärung Gegenaufklärung. Aus Protest zogen einige bereits gegebene Zusagen für die Ausstellung kurz vor der Eröffnung zurück und Teile der die Kunstszene betreffenden Tafel fanden sich aus urheberrechtlichen Einspruch abgedeckt.

War nun Beuys oder ‘68 eine Farce im marxschen Sinne? Und Dutschke oder Cohn-Bendit? „Von den Heldinnen und Helden, so scheint es jedenfalls, bleibt nicht viel übrig“, hatte Georg Seeßlen bereits Dezember 2017 in „Der verunglückte Familienroman“ konstatiert und schrieb: „Rudi Dutschke, ein ehrbarer und aufrechter Mensch vielleicht, aber auch einer, der im Maschinengewehr-Rap-Tempo vollendeten Nonsens von sich geben konnte.“ (Jungle World 21.12.2017)

Rudi litt zumindest zeitweise an Selbstüberschätzung, wie z.B. mit seinem Statement Februar 1968 auf dem Internationalen Vietnamkongress in Berlin: „Wir sagen den Amerikanern: Es kommt der Tag und die Stunde, wo wir Euch vertreiben werden, wenn Ihr nicht endlich anfangt, Euren eigenen Imperialismus zu beseitigen.“

„Four Dead in Ohio“ (Neil Young)

Bereits 1964 hatte es in den USA erste Anti-Vietnamkriegsdemonstrationen gegeben, Studenten weigerten sich massenhaft in den Krieg zu ziehen, gingen stattdessen in den Knast. Dieseits des Atlantiks wusste spätestens 1967 jede*r davon, als auch Cassius Clay alias Muhammed Ali den Kriegsdienst verweigerte und ihm deshalb der Weltmeistertitel aberkannt wurde. Der Beistand aus Deutschland war nur ein moralischer. Von einem: „Es kommt der Tag und die Stunde, wo wir Euch vertreiben werden“, konnte wirklich keine Rede sein. Der Widerstand in den USA wurde immer breiter, forderte dort sogar Todesopfer. Am 4. Mai 1970 feuerte in Ohio die Nationalgarde 13 Sekunden lang mit scharfer Munition auf Antikriegsdemonstranten auf dem Campus der Kent State University. Partiell kam es auch innerhalb der Armee zu Widerstand gegen das Morden: Im März 1968 hatte der US-Helikopterpilot Hugh Thompson allen Militärorders zum Trotz damit gedroht, seinen Bordschützen Befehl zu erteilen, das Feuer auf jene in My Lai brandschatzenden und mordenden GI‘s zu eröffnen, wenn diese nicht sofort ihr Massaker an Frauen und Kindern beendeten. Ein Kongressabgeordneter wollte Thompson dafür, im Gefecht die Waffe auf einen Vorgesetzten gerichtet zu haben, sogar hinter Gittern bringen. Erst drei Jahrzehnte später wurde Thompson voll rehabilitiert. Es ist wirklich mehr als abstrus, dass deutsche Regierungsvertreter den Antikriegsdemonstranten pauschal Antiamerikanismus unterstellten. Denn laut Umfragen lehnte 1968 bereits eine Mehrheit in den USA den Vietnamkrieg ab. Nur noch wenige Kriegstreiber hielten an dem Krieg fest.

Beuys, Dutschke, Cohn-Bendit – alle nur Figuren einer Farce? Oder ist die marxsche kategorische Einteilung in „Tragödie“ und „Farce“ doch allzu holzschnitthaft? Die Ausstellungen und Diskussionen dieses Jahres haben dazu beigetragen, die 68er Ikonen durch eine ausdifferenziertere politische Landschaft, in der die gesellschaftlichen Widersprüche deutlicher hervortreten, zu ersetzen. Ein Anfang ist gemacht. Da „text text context“ im BiBaBuZe bis zum 30. November verlängert ist, sei jeder und jedem empfohlen, dort Wissen, Kenntnis- und Reflexionsstand über 1968 z.B. bei einem Espresso, Wein oder Wasser nachzuarbeiten. Michael Flascha, der 1968 bei den Schülerprotesten am Comenius-Gymnasium aktiv war, hat Fundstücke zum Anfassen collagiert und kontrastiert sie mit Diskursen zu 1968 heute. Ein Plattenspieler und alte Platten, Bücher von 1968 und Rückblicke auf das Jahr aus den unterschiedlichsten Zeiten stehen bereit, zudem von Flascha zusammengestellte Texte zu den unterschiedlichsten Aspekten. Dieses ist wohl zugleich der persönlichste und umfassende Blick auf 1968, den sich niemand entgehen lassen sollte.

Thomas Giese