Nachdenken über Politisierung

Politisierung? Wie ist das denn passiert und vor allem: Warum? Was ist daran gut, was anstrengend? Würdest Du dabei bleiben?

Ein in jeder Hinsicht wichtiger und frischer – auch open access angebotener – Sammelband bringt dazu jetzt ganz unterschiedliche Perspektiven zusammen: Blicke auf individuelle, sehr persönliche Politisierungsgeschichten und -gegenwarten, die auch zum Grübeln anregen. Und zum Losgehen.

Nur für kurze Zeit ist das Herausgeber*innen-Kollektiv mit dem spannungsvollen Namen „RTR Führungsproblem“ zusammengekommen, heißt es in der Autor*innenbeschreibung am Ende des Buches. Kennengelernt hätte sich die Gruppe im Rahmen eines Studienkollegs, in dem der gemeinsame Austausch zu den in diesem Seminar-Kreis so unterschiedlichen Biographien der Politisierung begonnen habe. Diese Eindrücke will „RTR Führungsproblem“ nun auch über den Kolleg-Tellerrand hinaus teilen, verbunden mit der Einladung an mehr als zwei Dutzend unterschiedlichster Menschen aus allen möglichen Gruppen-, Strukturzusammenhängen und Selbstverständnissen linker Politik und Praxis, sich als Autor*innen an dem Buch zu beteiligen. Mit „Und dann Politisierung?!“ machen sie nun sowohl Ausrufungszeichen- als auch Fragezeichen-Erfahrungen auf. Dabei lässt schon der Buchtitel ahnen, dass die Autor*innen und Herausgebenden sehr offen auf den Begriff und ihre Erfahrungen zu „Politisierung“ schauen, aus den unterschiedlichsten Richtungen und Ansprüchen heraus.

So berichten die Autor*innen - größtenteils aus der Generation der unter 30-Jährigen - in ihren 17 Beiträgen über Politisierung – und über deren Bedingungen. Was muss gegeben sein, damit Politisierung stattfinden kann? Welcher (mitunter zufällige) Zusammenhang oder welche Handlungsräume und -dynamiken tragen dazu bei, dass Aktivistis dann auch länger dabeibleiben (können)?

Menschliche Beziehungen spielen dafür eine zentrale Rolle – und sind bekanntlich ja nicht ganz einfach. Gruppen sind eine Hilfe, können aber auch zum Hemmnis werden. Warum und wofür genau braucht es dann Gruppen?

Zwei Themen tauchen immer wieder auf: Das sind zunächst die Biografien der Aktivist*innen und wie diese deren aktuelle Positionierung prägen, unter Umständen mitsamt ihrer je aktuellen und gegebenen Privilegien. Zweitens ist es immer wieder die Bedeutung von Emotionen für und in der Politik, die entscheidend sein kann. Spielen doch Gefühle - wie z. B. Wut, aber auch Ohnmacht - eine wichtige Rolle als Auslöser von Politisierungsprozessen. Gefühle werden aber in politischen Gruppen oft nicht thematisiert. Dort herrsche, und es ist ernüchternd das zu lesen, eine Leistungsorientierung, ein gewisser Konformitätsdruck und eine Output-Orientierung vor, die Viele mittelfristig an ihre Grenzen und darüber hinaus bringe – und damit letztlich zum Rückzug aus politischem Aktivismus. Emotionen seien aufgrund von Versagensängsten und trotz extra angesetzter „Emo-Runden“ zugleich eher schlecht angesehen und würden aus einem patriarchalen Muster heraus abgewertet und abgewehrt. Immer wieder stellt sich die Frage: Ist es nicht eine Wiederholung des klassischen Musters des Ausklammerns des „Privaten“, wenn Vertrauen aufbauende „Beziehungsarbeit“ vor allem außerhalb der Gruppe stattfindet? Gleichzeitig müsse aber auch geschaut werden, welche emotionalen Prozesse eine politische Gruppe denn überhaupt in ihrer Struktur verkraften kann.

Der Anspruch, das gute Leben jetzt schon, in der Gegenwart und im Alltag, anzustreben und auszuprobieren, ist ein hoher. Dabei hilft es, vielleicht nicht immer die „geniale Lösung“ zu haben. Manchmal reicht schon eine gewisse Haltung als Richtschnur und Wegweiser durch unübersichtliches Gelände. Konkrete Hilfen gibt es im Buch zum Thema „Biografiearbeit“.

Die Texte haben aber eine unterschiedliche Tiefe. Wo einige stark in der Analyse sind, orientieren sich andere sehr am Allgemeinen und bleiben an der Oberfläche. Dabei spielen eben diese sehr verschiedenen Eindrücke der Autor*innen zugleich auf einem wichtigen Feld eine sprechkräftige verbindende Rolle – nicht nur, aber auch mit dem Blick auf Begriffe und Einordnungsfragen. Das Glossar mit rund 61 Einträgen überrascht darum vielleicht nach erstem Eindruck. Im zweiten Augenblick aber ist es mehr als sinnvoll, Begriffszusammenhänge und ihre Wirkweisen knapp zu beleuchten – und sei es ‚nur‘ im Überblick. Sie sind nicht selten selbst maßgebliche „Akteur*innen“ von Politisierung, als kritische Bezugspunkte, als Chiffren oder Utopie.

Das Buch reiht sich in die Reihe derjenigen ein, die in den letzten Jahren zu den inneren Verhältnissen der Linken erschienen sind, etwa Rezi Malzahns „Dabei geblieben“ (2015 – Besprechung u. a. in TERZ 12.2015), Timo Luthmanns „Nachhaltiger Aktivismus“ von 2018 oder der von Almut Birken und Nicola Eschen herausgegebene Band „Links leben mit Kindern (2020 – Besprechung in TERZ 05.2020). Mit „Und dann Politisierung?!“ sind nun ein weiteres Mal wichtige, zum Teil sehr persönliche Beschreibungen erschienen, die einmal mehr zeigen, dass linksradikale Bezugspunkte für langfristige Politisierung gerade auch sehr eng verknüpft sind mit den Zusammenhängen, in denen Aktivist*innen stehen: seien sie vermeintlich ‚geordnet‘ in privilegierte oder marginalisierte Positionen – gerahmt etwa von Klassismuserfahrungen. Seien sie geknüpft an Beziehungsebenen und Gefühle, an einen eigenen Ort im Aktivismus oder für die Menschen darin. Es ist gut, dass das Buch hier so offen ist. Es regt zum Nachdenken an und zeigt lose Enden und offene Fragen, an denen es lohnt, weiter zu diskutieren.

Bernd Hüttner

RTR Führungsproblem (Hg.): Und dann Politisierung?! Momente, Prozesse, Reflektionen
Verlag Edition Assemblage, Münster 2022, 216 Seiten, 12 Euro.
Open access unter https://edition-assemblage.de/wp-content/uploads/Druckfahne-4-Politisierung.pdf