In eigener Sache

TERZ 2.0

oder

... auf die nächsten 20 Jahre

Zum Jahreswechsel 1991/92 erscheint die erste Ausgabe der TERZ. Das Redaktionskollektiv "aus dem Dschungel dieser Dienstleistungsmetropole Düsseldorf" nimmt sich vor, "gehörig an den Marmorfassaden dieser Stadt zu kratzen." – "Konsequent gegen Rassismus, Sexismus, Militarismus" soll es gehen; "Kultur von unten" und "der Alltag in dieser Stadt" sind auch mit dabei. Die große Absicht ist, die Kluft zwischen den verschiedenen politischen und kulturellen Initiativen zu überwinden und ihnen mit der Stattzeitung ein gemeinsames Forum zur Verfügung zu stellen.

Wie alles anfing

Anfang 1991, als die Idee für die "Stadtzeitung" aufkam, gab es zwar ziemlich viele politische Aktivitäten, die aber vielfach nebeneinander herliefen. Der 2. Golfkrieg trieb viele Menschen auf die Straße, Hausbesetzungen gab es auch noch einige und auch damals wollten in Oberbilk viele die Umstrukturierung des Viertels, der auch das Lesben- und Schwulenzentrum "Café Rosa" zum Opfer fallen sollte, nicht widerspruchslos hinnehmen. Und auch ansonsten war politisch, sozial und kulturell eigentlich viel los.

Die radikale Linke fand sich jedoch ziemlich zersplittert. Nachdem das Projekt "Schürhaken", was sich zum Ziel gesetzt hatte, ein autonomes Zentrum in Düsseldorf zu schaffen, scheiterte und sich auflöste, zogen einige aus diesem Projekt und weitere Interessierte dann eine Initiative zur Gründung einer "Stadtzeitung" (in der Findungsphase 1991 schrieben wir das Projekt noch nicht mit "tt") auf. Der Aspekt, mit einem solchen Projekt wie der daraus entstandenen TERZ auch wieder zur "Struktuierung" der politischen Linken beizutragen, war zentral – und konsequent, denn wenn schon kein gemeinsamer physischer Raum in Form eigener Räumlichkeiten geschaffen werden kann, dann über eine Zeitung doch einen gemeinsamen "Ort" zu schaffen ...

Das Zeitungsprojekt sollte nun, wenn auch in virtueller Form, für das "Come together" sorgen. Darum entschied das kurz ZK genannte Zeitungskollektiv auch früh, kein linkes Bewegungsblatt machen zu wollen, das sich mehr oder weniger als Veröffentlichungsorgan für Flugblätter versteht, sondern eine offenere Form zu wählen.

Ein Stattzeitung wurde schließlich draus. Also nicht etwa ein schnödes Stadtmagazin. Nicht Anzeigenumfeld, sondern Gegenöffentlichkeit hieß das Gebot der Stunde. Darum hätten wir auch längst nicht alle Anzeigen genommen. Nach längerer Diskussion schloss das ZK Zigarettenreklamen definitiv aus. Zu unsere Überraschung bestand dann allerding auch gar keine Nachfrage von Seiten der Tabakkonzerne. Ein Service-Teil mußte allerdings schon dabei sein. Und das alles für anfangs 2,50 DM (Später 3 DM).

Wie die TERZ ihre Zeitschrift damals zusammenbastelte, das mutet heutzutage einigermaßen urtümlich an. Einen Computer hatten wir zwar schon und mit Pagemaker auch ein Layoutprogramm, aber das war nur die halbe Miete. Fotos vermochte unsere Technik damals nämlich noch nicht zu bearbeiten. Sie mussten für den Druck erst von Hand gerastert werden. Zunächst besorgte das die Druckerei, später schaffte die Redaktion sich eine eigene Repromaschine an. Und da sie für das Ungetüm sonst keinen Platz fand, wurde im Klo die Repro-Dunkelkammer eingerichtet, was natürlich nicht selten mit anderen Bedürfnissen kollidierte.

Gar nicht urtümlich erscheint allerdings, was unter diesen Bedingungen entstand. Beim Durchblättern der ersten Ausgabe ereilen einen so manche Déjà-Vu-Erlebnisse. Die Nullnummer widmete sich unter anderem der drohenden Abschiebung von Roma, dem Mordversuch eines Neonazis an einem Redskin und der Stadtentwicklungspolitik in Unterbilk, wo unter dem Protest der Anwohner_innen gerade der erste Grundstein für den Medienhafen gelegt wurde.

Alle diese Themenfelder (und viele andere) sollten die TERZ bis zum heutigen Tag weiterbeschäftigen (siehe z.B. Seiten 5, 7-8). Die Berichterstattung über die Neonazi-Szene wurde zu einem Schwerpunkt der Zeitschrift. Er führte zu mehreren Sonderausgaben, zu einer Mitgliedschaft im Antifa-KOK und mit "Lokalpolitik und die extreme Rechte in Düsseldorf" sogar zu einem Buch. Wir konnten allerdings auch anders. So verantwortete die Redaktion Dossiers zu "Heiraten" und "Sport", führte die linksradikalen Verbraucher_innen mit einem Billigchips-Test durch den Dschungel der Angebote und bot sogar "Lyrik", Karikaturen und einen monatlichen Comic auf. Mit zunehmendem Alter ist uns dieses Spielerische leider etwas abhanden gekommen, aber vielleicht kommt die Muße oder Wo_Man-Power dafür ja in unseren besseren Jahren wieder.

1995: Bilanz nach knapp 4 Jahren

Im Sommer 1995 folgte das erste Innehalten. Die Redaktion blickte zurück und fragte sich, wie es um die am Anfang formulierten Ziele stand. Die Bilanz fiel ein wenig ernüchternd aus: "Klar, die lokale Nazi-Szene haben wir teils zur Verzweiflung gebracht, ein paar Düsseldorfer Verwaltungsstrategen auf die Füße getreten (...) und viele unkonventionelle Themen unter die Leute gebracht. Aber unter ‚Gegenöffentlichkeit' hatten wir uns eigentlich einen kommunikativeren Akt vorgestellt." Und es folgte eine Klage über lokale Gruppen, die sich manchmal erst nach dem fünften Anruf dazu bequemen, die TERZ als Forum zu nutzen. Aber auch intern fand häufig nicht genug Kommunikation statt. Der monatliche Produktionsstress ließ kaum Zeit zu tieferen inhaltlichen Diskussionen und zu einer intensiveren Aufbereitung von Sachverhalten. Die Ausgabe Herbst 1995, die sich dieser Selbstreflexion widmete, sollte nun zugleich schon die Antwort auf die bisherigen Probleme darstellen, denn es war eine Doppelnummer. Eine zweimonatige Erscheinungsweise sollte es uns fortan erlauben, unseren erklärten Absichten näher zu kommen. Da hatte das Redaktionskollektiv allerdings das menschliche Trägheitsmoment unterschätzt. Ein Artikel, für den sechs Wochen Zeit war, verfassten unsere "Schreiberlinge" dann doch wie eh und je kurz vor Redaktionsschluss, und der Substanz-Gewinn konnte nicht immer im erhofften Maße erreicht werden. Also folgte ein Jahr später die nächste Sinn-Krise und eine Rückkehr zum alten Publikationsturnus, allerdings in abgespeckter Version ohne ausführlichen Programmteil, um uns eine Menge Arbeit zu ersparen. Und als schlichtes, kostengünstig zu produzierendes Umsonstblatt. Gerade diese Entscheidung fiel uns damals nicht leicht, wollten wir doch nicht einfach so rumliegen zwischen den "Yuppieblättchen" voller Werbung. Aber offensichtlich waren es richtige Entscheidungen, denn in dieser Form konnte sich die TERZ bis heute halten.

Trotz des Redaktionsstresses fanden wir noch die Muße, in Kooperationen andere Projekte zu verfolgen. So blieb es nicht bei dem Buch über Rechtsextremismus in Düsseldorf. So gab das Kollektiv mit " ... es war nicht alles für die Katz' ..." die Erinnerungen des Düsseldorfer Kommunisten Peter Baumöller heraus, die in Auszügen schon im Blatt erschienen waren. Und nach dem 11. September 2001 veröffentlichte die Zeitung die Studie "Antisemitismus in islamischen Gesellschaften" von Michael Kiefer. Unsere Verlagstätigkeit würden wir auch gerne wieder aufnehmen. Zudem organisierten wir Straßenfeste, Partys und öffentliche Veranstaltungen zu Themen wie "Kommunikationsguerilla" und "Ausgrenzungen von Minderheiten in der Stadt".

Auf der Anklagebank

Anders als vielleicht zu erwarten, kam es in der Geschichte der TERZ nie zu großartigen Kontroversen um die inhaltliche Ausrichtung. Außer ein bisschen Geplänkel um antideutsche Positionen ist nicht viel gewesen. Uns fehlte oft schlicht die Zeit dazu, und einige Leute haben das Kollektiv auch just deshalb verlassen, weil sie politische Diskussionen vermisst haben.

Streit gab es vornehmlich mit der Außenwelt, aber das nicht zu knapp und noch dazu oft auf einem Terrain, das der TERZ nicht geläufig war: dem juristischen. Kriegsprofiteure wie der Düsseldorfer Militärdienstleister Ecolog wollten in der Zeitung nicht "Kriegsprofiteure" genannt werden, Sekten nicht "Sekten", Rechtsextreme nicht "Rechtsextreme" und Schwarze Sheriffs störten sich an einem Vergleich mit Nachtgestalten aus Horrorfilmen. Deshalb zogen sie alle vor Gericht und malträtierten die Redaktion mit einstweiligen Verfügungen oder verlangten Unterlassungserklärungen. Manchmal konnte die Zeitung das abwenden, manchmal jedoch auch nicht, auch weil sie das finanzielle Risiko scheute, Prozesse bis zur letzten Instanz auszufechten. So bleibt das rechtliche Kapitel ein schwieriges.

Bilanz nach 20 Jahren

Eigentlich gar nicht so schlecht. Es gelingt der TERZ besser als früher, als Forum wahrgenommen zu werden. Sie braucht es nicht mehr so lange bimmeln zu lassen, bis sie auf schreibwillige Initiativen stößt. Nicht wenige von ihnen versorgen uns verlässlich und kompetent mit Artikeln aus ihrem jeweiligen Arbeitsbereich, sei es "Sozialabbau", "Minderheiten" oder "Flüchtlingspolitik". Und einige der Gruppen denken sogar von sich aus an uns.

Jetzt liefert der "Außendienst" nicht selten einen Input, der den des "Innendienstes" übersteigt. Das Kollektiv schrumpfte nämlich seit 1992 beträchtlich. Zu Beginn gehörten ihm noch bis zu 30 Leute an, heute sind es gerade noch ein Handvoll. Die Zeiten, in denen es auf der Tagesordnung der Redaktionssitzung noch den Punkt "Berichte aus den Gruppen" gab und eine eigenständige Kulturredaktion sich um den schönen Schein kümmerte, gehören der Vergangenheit an. Es hatte zwar des Öfteren mal zwischen den Kulturalist_innen und der Poli-Fraktion geknistert, aber das war eine produktive Spannung, deren Fehlen das Blatt ärmer macht. Nun steht die Musikkolumne unserer treuen Seele honker oftmals mutterseelenallein auf weiter Kulturflur, und die Redaktion kann somit ihren Anspruch nicht immer einlösen, das gesamte Leben in der Stadt abzubilden. Wer sich also berufen fühlt ...

Trotz alledem hält die TERZ sich weiterhin für notwendig. Wenn sich die Medien-Situation in den letzten zwei Dekaden auch beträchtlich geändert hat – in Sachen "Gegenöffentlichkeit" ist nicht allzu viel passiert. In den unendlichen Weiten des Internets hat diese nämlich nicht gerade viele Auftritte. Gute linke Seiten lassen sich an einer Hand abzählen. So bleiben wir trotz Webpräsenz bei unserem Kerngeschäft "Zeitung" und feiern uns dieses Jahr – nicht zuletzt dafür, dass es uns überhaupt noch gibt und wir gelassen die nächsten 20 Jahre angehen.