Vor 80 Jahren hielt Hitler im Düsseldorfer Industrie-Club seine berüchtigte Rede. Vor 100 Jahren wurde der Bonzen-Verein gegründet. Eigentlich kein Grund zum Feiern. Aber er tut es trotzdem und lädt am 30. März zu einem Festakt in die Deutsche Oper ein. Grund genug, sich noch einmal mit dem Verhältnis des Clubs zum Faschismus zu befassen.

Vorweggenommene Machtübertragung?

Vor 80 Jahren hielt Adolf Hitler seine berüchtigte Rede im Düsseldorfer Industrie-Club

Auf den Straßen rund um das noble Düsseldorfer Parkhotel spielten sich am Abend des 26. Januar 1932 tumultartige Szenen ab. Zahlreiche DemonstrantInnen, vorwiegend AnhängerInnen der KPD und der Sozialdemokratie sowie GewerkschaftsaktivistInnen hatten sich vor dem Gebäude versammelt. Sie verteilten Flugblätter und skandierten antifaschistische Parolen. Fritz Hollstein, der sich als junger Gewerkschafter mitten im Getümmel befunden hatte, schilderte im Rückblick die Geschehnisse folgendermaßen: "Die Polizei, teils zu Pferd, wurde gegen uns eingesetzt, weil wir warnend riefen: ,Hitler – das ist der Krieg!‘. Wir wurden verprügelt, manche in den Keller des benachbarten Opernhauses eingesperrt."

Den konkreten Anlass für die Auseinandersetzungen bildete eine Veranstaltung des exklusiven Düsseldorfer Industrie-Clubs. An jenem Abend sollte Adolf Hitler vor den Clubmitgliedern über "Die Einstellung der nationalsozialistischen Partei zur Wirtschaft" sprechen. Rund 650 ZuhörerInnen drängten sich in den großen Ballsaal des Parkhotels, das Hitler unerkannt durch einen Seiteneingang betreten hatte.

"Hinter dem Faschismus steht das Kapital"!?

Die Bedeutung der zweieinhalbstündigen Rede Hitlers wurde seither höchst unterschiedlich bewertet. An ihr entzündeten sich bisweilen erbittert geführte, teilweise bis in die Gegenwart andauernde politische und geschichtswissenschaftliche Kontroversen um das Verhältnis zwischen Großkapital und Nationalsozialismus. Bereits den meisten DemonstrantInnen, die sich vor dem Parkhotel versammelt hatten, galt die Veranstaltung als ein Beleg für die ideelle und finanzielle Förderung der NSDAP durch die Schwerindustrie. In der DDR-Geschichtswissenschaft ebenso wie in den marxistisch geprägten westdeutschen Faschismusdiskussionen seit den späten 1960er Jahren waren ähnliche Deutungsmuster weit verbreitet, in denen Hitler vor allem als Handlanger des Kapitals erschien. Seine Einladung in den Industrie-Club hinterließ in dieser Sichtweise den Eindruck einer gleichsam vorweggenommenen Machtübertragung.

Demgegenüber haben andere HistorikerInnen die Einflussnahme des Großkapitals auf die NS-Bewegung und somit auch die Bedeutung der Rede Hitlers vor dem Industrie-Club stark relativiert. Mittlerweile sind die polarisierten Debatten differenzierteren alltags- und sozialgeschichtlichen Interpretationen gewichen. Darin geht es weniger um den Anspruch, alles erklärende Deutungsmuster zu entwerfen. Vielmehr geraten nunmehr konkrete Machtdynamiken, sich wandelnde Verhaltensweisen und Handlungsspielräume in den Fokus, die das Verhältnis zwischen Unternehmen und NS vor und nach 1933 kennzeichneten.

"Treffpunkt der Eliten"

Der Industrie-Club war im Jahr 1912 gegründet worden und entwickelte sich zu einem Treffpunkt für Vertreter eines selbstbewussten Wirtschaftsbürgertums, das vor allem im Bereich der Kohle- und Stahlindustrie an Rhein und Ruhr seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen beispiellosen Aufstieg erlebt hatte. Der Club bildete einen institutionalisierten Rahmen, in dem sich die elitären Selbstbilder und autoritären Gesellschaftsvorstellungen seiner Mitglieder festigen und reproduzieren konnten.
Die Revolution von 1918/19, der Zusammenbruch des Kaiserreichs und die Gründung der Republik wurden in diesen Kreisen daher ganz überwiegend als höchst verstörende Geschehnisse wahrgenommen. Kaum ein Unternehmer in den Clubräumen des Parkhotels war bereit, vorbehaltlos die neue demokratische Staatsform zu unterstützen. Viele Mitglieder neigten zu einer Verklärung der vermeintlich "heilen" Vergangenheit des Kaiserreichs. Die offene Feindschaft, mit der die extreme Rechte von Beginn an der Republik begegnete, wurde indessen mit Indifferenz registriert. Der Mord an Außenminister Walther Rathenau – Mitglied des Industrie-Clubs seit 1914 – im Juni 1922 durch Freikorpsaktivisten fand keinerlei Beachtung. Der Kapp-Putsch zwei Jahre zuvor war vom Club-Vorsitzenden Wilhelm Marx zwar kritisiert worden, dies geschah jedoch keineswegs aus demokratischen Motiven, sondern aus Furcht vor einer nunmehr drohenden "roten Revolution".

Gleichwohl begaben sich die meisten Großindustriellen (in- und außerhalb des Industrie-Clubs) zunächst nicht in eine Fundamentalopposition zur jungen Demokratie. So akzeptierten sie die im November 1918 zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden getroffenen sozialstaatlichen Vereinbarungen, in denen Koalitionsfreiheit und Tarifvertrag ebenso festgeschrieben wurden wie der Achtstundentag. Im Gegenzug verzichteten die Gewerkschaften auf umfassende Sozialisierungsforderungen und gingen somit auf Distanz zu den Ansprüchen der Arbeiter- und Soldatenräte.

Großindustrie und Arbeitgeberverbände warteten jedoch nur auf den passenden Zeitpunkt, den Sozialstaatskompromiss, den sie unter dem Eindruck einer vermeintlich drohenden "bolschewistischen Revolution" geschlossen hatten, wieder aufzukündigen. Obwohl angesichts der Existenz unterschiedlicher Kapitalfraktionen kaum von "der" Industrie gesprochen werden kann, bestand ein übergreifendes Interesse in dem mittelfristigen Ziel, die Sozialdemokratie vor allem auf Reichsebene sowie in Preußen aus der Regierungsverantwortung zu drängen und die Macht der Gewerkschaften zu brechen.

"Klassenkampf von oben"

Erste Vorstöße unternahmen die rheinisch-westfälischen Großindustriellen während des "Ruhreisenstreits" im Herbst 1928, als sie die Ergebnisse eines eigentlich verbindlichen Schlichtungsverfahrens im Rahmen eines Tarifkonflikts nicht akzeptierten und zwischenzeitlich rund 230.000 Beschäftigte aussperrten. Hier wurde deutlich, dass es, wie der Historiker Reiner Marcowitz betont, den Arbeitgebern vor allem darum ging, "jene Konzessionen auf dem Lohn- und Arbeitszeitsektor [...] zu revidieren, die sie in der Revolutionszeit und in der Frühphase der Republik notgedrungen gewährt hatten."

Einen unverhohlenen "Klassenkampf von oben" begannen die Unternehmer mit der Bildung des ersten Präsidialkabinetts unter Reichskanzler Heinrich Brüning im März 1930, der ohne parlamentarische Mehrheiten auf der Basis von Notverordnungen regierte. Ganz im Sinne der Arbeitgeberverbände verfolgte Brüning eine strikte Deflationspolitik, die massive soziale Einschnitte zur Folge hatte. Dennoch regte sich unter den Vertretern der Großindustrie Unmut über den "Zentrums"-Politiker, da dieser eine Tolerierung seines Kabinetts durch die Sozialdemokratie anstrebte. So proklamierte Paul Reusch, Vorstandsvorsitzender der "Gutehoffnungshütte" in Oberhausen und prominentes Mitglied des Industrie-Clubs im Oktober 1931, "dass Herr Brüning, nachdem die Erwartungen, die wir auf ihn gesetzt haben, sich nicht erfüllt haben und nachdem er nicht den Mut hat, sich von der Sozialdemokratie zu trennen, von der Wirtschaft [...] auf das allerschärfste bekämpft werden muss."

Bereits im Jahr zuvor hatte Fritz Thyssen, Aufsichtsratsvorsitzender der "Vereinigten Stahlwerke AG" (Düsseldorf), einer Wiederbelebung sozialpartnerschaftlicher Kooperationsgespräche mit den Gewerkschaften eine klare Absage erteilt, da diese "das Unternehmertum zu einer unrettbaren Verknüpfung mit dem marxistischen System führen werden". Im Kontext der im Jahr 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise und der Aushöhlung der parlamentarische Entscheidungsprozesse durch die Notverordnungspolitik der Präsidialkabinette sahen die überwiegenden Teile der Großindustrie den lange erwarteten Zeitpunkt gekommen, von der Weimarer Demokratie abzurücken.

Parteipolitisch orientierten sich viele Unternehmer an der "Deutschnationalen Volkspartei" (DNVP), die unter ihrem Vorsitzenden Alfred Hugenberg seit 1928 einen offen antirepublikanischen Kurs eingeschlagen hatte. Auch zahlreiche Mitglieder des Industrie-Clubs traten der Partei bei. Jedoch scheiterten Hugenbergs Bemühungen, die DNVP zum organisatorischen Kern einer "nationalen Sammlungsbewegung" zu machen, obwohl die Partei aus Unternehmerkreisen massive finanzielle Unterstützung erhielt.

Im Januar 1928 hatten auf Initiative von Reusch zwölf führende Vertreter der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie die "Ruhrlade" gegründet. Diese diskrete Lobbygruppe sollte dazu dienen, Spenden für bürgerliche Parteien zu aquirieren. Die "Ruhrlade" versuchte zudem – indes vergeblich – die Konstituierung eines einheitlichen Bürgerblocks als Gegenpol zur sozialistischen Arbeiterbewegung zu fördern.

Bündnispartner oder "Marxismus in Reinkultur"? Die NSDAP in den Augen der Großindustrie

Indessen konnte die NSDAP lange Zeit kaum von diesen Zuwendungen profitieren. Erst die Reichstagswahlen im September 1930, bei denen die NSDAP ihren Stimmenanteil von 2,6 Prozent auf 18,3 Prozent steigern konnte und somit zur zweitstärksten Fraktion im Reichstag wurde, machten die Nationalsozialisten zu einem auch für die Großindustrie ernst zunehmenden politischen Akteur. Mit ihrem antibürgerlichen Gestus blieb die NS-Bewegung den meisten Großindustriellen bis in den Januar 1933 jedoch suspekt. Reusch haderte etwa nach deren Wahlerfolg im September 1930 mit der NSDAP, denn auch die Nationalsozialisten trieben "heutzutage in der Praxis eine Politik, die nichts anderes ist, als Marxismus in Reinkultur".

Einige rheinisch-westfälische Unternehmer und Mitglieder des Industrie-Clubs wie etwa Fritz Thyssen und Emil Kirdorf sympathisierten jedoch schon früh mit Hitler. Bereits im August 1927 waren Kirdorf und der Führer der NSDAP in der Villa des Münchner Verlegers Hugo Bruckmann zu einem Meinungsaustausch zusammengekommen. Im Anschluss daran verfasste Hitler eine vor allem in Unternehmerkreisen verteilte Broschüre, in der er die antimarxistischen Positionen seiner Partei hervorhob. Wenige Wochen später referierte er vor 14 westdeutschen Schwerindustriellen in der Nähe von Mülheim/Ruhr. Weder die Broschüre, noch der Vortrag erzielten allerdings die erhoffte Resonanz.

Erst seit dem Wahlerfolg der NSDAP vom September 1930 spendeten auch der Dortmunder Unternehmer Fritz Springorum, Paul Silverberg, Aufsichtsratsvorsitzender der "Rheinischen Braunkohlen-Syndikat G.m.b.H." und Friedrich Flick direkt oder indirekt an die Partei. Finanzielle Unterstützung leisteten zudem die "Ruhrlade", der "Bergbau-Verein" (Essen), der "Arbeitgeberverband Arbeit-Nordwest" (Düsseldorf) und die "IG Farben" (Frankfurt am Main). Die Förderung der NS-Bewegung fiel aber im Vergleich zu den schwerindustriellen Zuwendungen, die anderen rechts stehenden Parteien und Verbänden zuteil wurden, eher gering aus. Die klammen Finanzen der NSDAP waren damit kaum zu sanieren. Joseph Goebbels klagte etwa in einem Tagebucheintrag im Dezember 1932: "In der Organisation herrscht schwere Depression. Die Geldsorgen machen jede zielbewusste Arbeit unmöglich."

Nation – Leistung – Privateigentum

Vor diesem Hintergrund war der Auftritt Hitlers im Industrie-Club keineswegs Ausdruck einer festen Liaison zwischen NSDAP und Schwerindustrie. Vielmehr ging die Initiative auf einzelne Protagonisten zurück. Als treibende Kraft trat hier Thyssen in Erscheinung, der sich offen zum NS bekannte. Einen Monat zuvor hatte Max Cohen-Reuß, Mitglied des Reichswirtschaftsrates, im Industrie-Club über das deutsch-französische Verhältnis referiert. Die Tatsache, dass er der SPD angehörte, war von einigen Unternehmern mit Empörung zur Kenntnis genommen worden.

Gleichsam als Kompensation sollte daher ein Vertreter der NSDAP zu einem Vortrag eingeladen werden, wobei zunächst Hermann Göring und Gregor Strasser im Gespräch waren. Letzterer galt zwar als prominentester Repräsentant des "antikapitalistischen" Flügels seiner Partei, genoss aber unter den rheinisch-westfälischen Großindustriellen ein vergleichsweise hohes Ansehen. Hitler sprach jedoch schließlich selbst, was darauf zurückzuführen sein dürfte, dass er seinem schärfsten innerparteilichen Kontrahenten ein derart exklusives Forum nicht überlassen wollte.
Die Veranstaltung begann mit einem Grußwort von Oberbürgermeister Robert Lehr (DNVP) und einer kurzen Einführung von Thyssen. In seiner darauf folgenden Rede entwarf Hitler ein düsteres Bild der Gegenwart, die vom Niedergang der "europäischen Herrenvölker" geprägt sei, der dazu geführt habe, dass "ein Neger in den Sitzungen des Völkerbundes präsidieren" könne. Zudem warnte er vor einem Siegeszug des "Bolschewismus". Dieser sei "im Begriff, den asiatischen Kontinent zu unterwerfen". Der "Bolschewismus" stehe aber auch dem nationalen Ziel im Wege, "ein starkes und gesundes Deutschland zu schaffen." Dagegen gelte es, die "innersten Werte des Volkes" zu mobilisieren. Hitler betonte die hohe Bedeutung des Leistungsprinzips, das zudem die ethische Grundlage des Privateigentums darstelle, zu dem er sich zur Zufriedenheit seiner ZuhörerInnen vorbehaltlos bekannte. Angesichts des von ihm ausgebreiteten Untergangsszenarios präsentierte er den Nationalsozialismus als Rettungsanker für die bürgerliche Gesellschaft: "Wenn wir nicht gewesen wären, gäbe es schon heute in Deutschland kein Bürgertum mehr". Insgesamt bot die Rede wenig Programmatisches außer einer Fülle an nationalistischen, antikommunistischen und rassistischen Phrasen, die jedoch, wie der Historiker Peter Hüttenberger konstatiert, "schon seit langem in der Düsseldorfer Gesellschaft [...] gängig und gewohnt waren."

Die Reaktionen des Publikums fielen unterschiedlich aus. Paul Kleinwerfer, ein mittelständischer Unternehmer aus Krefeld, berichtete im Rückblick, Hitlers Ausführungen seien von andauerndem Beifall begleitet worden. Auch andere BeobachterInnen vermerkten, dass vor allem jüngere TeilnehmerInnen lautstark applaudiert hätten. Möglicherweise wurden durch die Rede, wie Hüttenberger mutmaßt, "spätere Arrangements psychologisch vorbereitet" und gegenüber der NS-Bewegung "manche emotionalen Hemmschwellen gesenkt".

Die Großindustrie auf dem Weg in den NS

Der von Hitler erhoffte Durchbruch bei der rheinisch-westfälischen Großindustrie misslang jedoch. Einige der einflussreichsten Mitglieder des Industrie-Clubs waren gar nicht erst zu der Veranstaltung erschienen, beispielsweise Carl Duisberg, Gustav Krupp, Reusch und Silverberg. Zusätzliche Finanzierungsquellen für die NSDAP konnten offensichtlich nicht erschlossen werden, woran auch ein Treffen von Hitler, Göring und SA-Chef Ernst Röhm mit Albert Vögler, Vorstandsvorsitzender der "Vereinigten Stahlwerke", Poensgen und Thyssen am darauf folgenden Tag nichts änderte.

Die Unternehmer setzten mehrheitlich zunächst auf Franz von Papen, der am 1. Juni 1932 durch Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Kanzler eines Präsidialkabinetts ("Kabinett der Barone") ernannt worden war. Mit seiner Vision vom "Neuen Staat", der die Beseitigung der Weimarer Demokratie zugunsten eines autoritären Präsidialregimes mit ständestaatlichen Zügen vorsah, avancierte der Westfale zur "persona gratissima" (Thomas Trumpp) der deutschen Großindustrie.
Eine Annäherung an den NS erfolgte erst, nachdem Anfang Dezember 1932 Kurt von Schleicher das Amt des Reichskanzlers angetreten hatte. Der General vertrat das Konzept, seinem Präsidialkabinett durch die Einbeziehung der Gewerkschaften sowie des "antikapitalistischen" Strasser-Flügels der NSDAP eine Massenbasis zu verschaffen – Planungen, die unter den Vertretern der Großindustrie auf entschiedene Ablehnung stießen. In diesem Kontext erschien eine Regierungsbeteiligung Hitlers nun doch als eine politische Option.

Bereits im November 1932 hatten hochrangige Bankiers, Großgrundbesitzer und Industrielle in ihrer berüchtigten, aber folgenlosen Eingabe an Reichspräsident Hindenburg gefordert, den "Führer der größten nationalen Gruppe" zum Reichskanzler zu ernennen. Der Vorstoß war – anders als dies immer wieder auch antifaschistische Interpretationen nahelegen – nicht die Umsetzung eines lange gehegten Plans des Großkapitals, dem Faschismus zur Macht zu verhelfen, sondern resultierte aus dem Scheitern anderer autoritärer Konzepte und Erwägungen. Bemerkenswert ist zudem, dass viele prominente, zweifellos antidemokratisch eingestellte Industrielle die Eingabe nicht unterzeichnet hatten. Offenkundig versprachen sich zahlreiche Unternehmer durch die Regierungsbeteiligung Hitlers auch eine Rückkehr des hochgeschätzten von Papen an die Schalthebel der Macht. Aus Sicht der Großindustrie galten Hitler und die NSDAP als beherrschbare Akteure, eine Einschätzung, die sich schon bald als "grandioser Irrtum" (Hans Mommsen) herausstellen sollte.

Am 30. Januar 1933 – fast genau ein Jahr, nachdem er seine Rede vor dem Industrie-Club gehalten hatte – wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Gleichwohl führte kein linearer Weg vom Ballsaal des Düsseldorfer Parkhotels zum Fenster des Berliner Hotels "Kaiserhof", an dem sich Hitler am Abend des 30. Januar von vorbeimarschierenden SA-Kolonnen feiern ließ. Die Machtübernahme war alles andere als das zwangsläufige Resultat bisweilen widersprüchlicher Entwicklungen, die wiederum von sehr unterschiedlichen Akteuren mit ihren spezifischen Interessen und Handlungsweisen geprägt wurden und sich daher kaum auf die finsteren Machenschaften des Großkapitals reduzieren lassen. Die Bedeutung der Rede im Industrie-Club sollte daher in ihren unmittelbaren Auswirkungen nicht überbewertet werden.

Diese Feststellung bedeutet aber keineswegs, die politische und moralische Mitverantwortung der Großindustrie an Rhein und Ruhr für die Zerstörung der Weimarer Demokratie zu relativieren. Seit dem Ende der 1920er Jahre hatten viele der im Industrie-Club zusammenkommenden Unternehmer systematisch die sozialstaatlichen Grundlagen der Republik torpediert und die Beseitigung des parlamentarischen Systems zugunsten einer autoritären Staatsform forciert. Deren normativer Referenzrahmen verschob sich vom anfänglichen, wenn auch notgedrungenen Arrangement mit der Republik, über die Begeisterung für von Papens "Neuen Staat" hin zur Befürwortung der völkischen Ordnung des Nationalsozialismus.

Günter Born

Anmerkung: Dieser Artikel erschien Mitte Januar in der Ausgabe #46 der "LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen" und wurde uns auf unsere Bitte hin von der LOTTA zum Nachdruck zur Verfügung gestellt.