Von Dresden nach Stolberg

Nach dem großartigen Erfolg im Februar in Dresden, wo ein breites antifaschistisches Bündnis Europas größten Neonaziaufmarsch verhindern konnte, bleibt für Antifaschist_innen in NRW kaum Zeit zum Durchatmen: Stolberg steht an.

Anfang April planen Neonazis wie jedes Jahr zwei Aufmärsche in Stolberg bei Aachen. Anlass ist die Ermordung eines Jugendlichen, eine Beziehungstat, die die Neonazis zum Märtyrertod eines "deutschen Nationalisten" umdeuten. Unter der Motto "Kriminelle Ausländer töten - willst Du der nächste sein?" mobilisiert vornehmlich das Spektrum der sogenannten Autonomen Nationalisten nach Stolberg, um den "multikulturellen Feinden Deutschlands" "Rache zu schwören".

Trotz zahlreicher Proteste in der Vergangenheit, wo zum Teil bis zu zweitausend Gegendemonstrant_innen gegen den rechten Aufmarsch protestierten, gelang es in der Kleinstadt Stolberg bisher antifaschistischen Initiativen nicht, dem Märtyrerkult der Nazis effektiv etwas entgegenzusetzen. Immerhin konnte man bereits 2009 einen Blockadeerfolg verbuchen, der den Aufmarsch um volle vier Stunden verzögerte.

Ganz anders das aus bürgerlichen und konservativen Kreisen initiierte "Stolberger Bündnis gegen Radikalismus": Hier hatte man anscheinend die letzten Jahre mehr damit zu tun, sich von linken antifaschistischen Gruppen abzugrenzen und diese von Runden Tischen auszuladen, als Konzepte gegen den Aufmarsch zu entwickeln. Über eine reine Symbolpolitik in der Stolberger Innenstadt, einer Demonstration in der Fußgängerzone, kam man nicht hinaus. Ähnlich will man sich auch im April verhalten.

Doch dieses Jahr soll, wenn man Antifa-Gruppen aus der Region Glauben schenken mag, alles ganz anders werden: Neben dem bürgerlichen Bündnis mobilisiert erstmalig ein sehr breites linkes Bündnis nach Stolberg, das, wie zuletzt bei der erfolgreichen Verhinderung des großen Neonazi-Aufmarschs in Dresden Mitte Februar geschehen, mittels Massenblockaden den Aufmarsch verhindern möchte.

Massenblockaden in der Provinz

Auf Initiative antifaschistischer Gruppen hat sich in der Region um Aachen ein breites Bündnis konstituiert, das von Kirchenvertreter_innen aus Düren über den DGB-Vorsitzenden der Region, dem Bürgermeister der Nachbarstadt Eschweiler und diversen linken Parteien und Organisationen bis zu autonomen Antifa-Gruppen reicht. Neben einer breiten Mobilisierung veranstaltete das Bündnis diverse Info-Veranstaltungen in NRW, Blockadetrainings und sogar ein öffentliches Blockadetraining in Eschweiler, das prompt die örtliche Polizei auf den Plan rief, die dieses mit zum Teil sehr absurden Auflagen wie dem Verbot von "öffentlichem Einüben [...] von Unterhaken" und "szenischem Wegtragen" zu verhindern trachtete. Zur Überwachung der Auflagen reiste neben der prophylaktischen Hundertschaft dann gleich auch die halbe Führungsriege aus Polizei und Ordnungsamt eigens an. Dank der tatsächlich am Tag aufmarschierenden Neonazis um den NPD-Ratsherren Willibert Kunkel konnten die rund hundert Anwesenden dann das Durchfließen von Polizeiketten und das Sitzblockieren von Neonazis in der Realität erproben.

Nazi-Strategie: "Märtyrerkult" und "Opfermythos"

Die Naziszene scheint sich vermehrt Anlässe für Ihre Aufmärsche zu suchen, wo sie sich als das eigentliche Opfer "antideutscher Gewalt" inszenieren kann und gleichzeitig den Kontext mit ihrer völkischen, rassistischen und antisemitischen Ideologie verknüpfen kann. Während ihre bundesweiten Großevents wie Dresden, wo sie ebenfalls versuchten, an einen Mythos anzuknüpfen, dank Gegenaktivitäten antifaschistischer Bündnisse an Strahlkraft verloren haben, bleiben der teils recht zerstrittenen Szene für gemeinsame Anlässe nur noch die regionalen Events. Aufmärsche wie der in Stolberg oder der Anfang September in Dortmund anlässlich des Antikriegstages sind wichtig für die Generierung gemeinsamer Erlebniswelten samt Identitätsstiftung und die Anbindung neuer Leute. Gerade in NRW versuchen sich zudem die "autonomen Nationalisten" an einer Kopie des linken Konzeptes des "schwarzen Blocks", das Beobachter_innen eher als eine pseudo-militante Inszenierung samt dem damit einhergehenden Gewaltfetischismus interpretieren. Die "Erlebniswelt Neonaziaufmarsch" wird mit militanter Symbolik und Rhetorik aufgeladen und kulminiert in Parolen wie "Linkes Gezeter - 9mm". Wohin die Entwicklung dieser Art der "Demonstrationskultur" geht, und welche Binnenwirkung dies für die eh äußerst gewaltbereite Neonaziszene haben kann, ist noch offen.

Es ist also allemal an der Zeit, der Neonaziszene auch ihre regionalen identitätsstiftenden Erlebniswelten zu nehmen. Dass dies auch trotz widriger Umstände mit breiten Bündnissen möglich ist, hat der Neonaziaufmarsch Anfang Februar in Dresden gezeigt. Ob dies auch in der Provinz und nicht nur in der Großstadt funktioniert, liegt an uns allen.

ANTIFASCHISTISCHE LINKE DÜSSELDORF

Infoveranstaltung: "Stolberg 2011 - Den Naziaufmarsch gemeinsam blockieren!"
am 04.04.2011, 19:30 im Linken Zentrum
mit einem Vertreter des Stolberger Bündnis

08.04. Proteste gegen den Fackelmarsch der Neonazis
18:00 in Stolberg

09.04. Blockieren des Naziaufmarsches in Stolberg
Gemeinsame Abfahrt aus Düsseldorf

Für Anreiseempfehlung und weitere Informationen:
www.antifa-duesseldorf.de