Die testcard "access denied"

Ortsbestimmung

Die neue Ausgabe des Popkultur-Kompendiums testcard widmet sich dem Thema "Orte" und hinterlässt dabei kaum blinde Flecken auf der Landkarte.

"Was bedeutet es heute, an einem bestimmten Ort zu sein?", will die testcard in ihrer "access denied"-Nummer wissen und fragt dabei nicht nur nach realen, sondern auch nach sozialen und imaginären Räumen. Von der Privatsphäre bis hinein in die große weite globalisierte Welt geht es dabei. "Notizen aus der Provinz" finden ebenso Platz wie linke Räume, Großstädte mit oder ohne Gentrifidingsbums und Sehnsuchtsorte. Auch das die traditionelle Raumordnung herausfordernde Internet beschäftigt die Autor_innen.

Die popkultur-sozialisierten "Small Town Boys" unter ihnen nehmen Orte eigentlich nur unter akustischen Gesichtspunkten wahr. Zunächst lag die Traumstadt, in der die Musik spielt, oft schon ein Dorf weiter. Später weitete sich ihr Horizont bis zu New York als Fernziel. Immer jagten sie dem "Sound of the City" nach. "München ist Rokoko und Disko", damit begründet der Schriftsteller und Musiker Thomas Meinicke seinen Umzug in die bayerische Landeshauptstadt. Testcard-Herausgeber Johannes Ullmaier hat noch mehr handliche Zuschreibungen parat: "Hamburg: Journalismus, Reeperbahn plus BEATLES; Köln: Kunst, elektronische Musik; Düsseldorf: Popfuturismus; Frankfurt: Geld, Jazz".

Ob diese Kulturhauptstädte nebenbei noch etwas anderes sind oder vielleicht sogar hauptsächlich, das interessiert die Schreiber_innen nicht. Dass vielen von ihnen auf ihre älteren Tage dem Sirenenruf der Metropolen trotzen, macht die Sache nicht unbedingt besser, denn selbst im Negativen verharren sie noch in ihrer eingeengten Subkultur-Perspektive. "Berlin ist im Grunde das Proto-Beispiel für die - im schlechten Sinne - kreative Stadt", sagt Klaus Walter in einem Round-Table-Gespräch.

Ihm sind Leute suspekt, "die eine andere Stadt brauchen, damit sie ein gutes Leben führen". Und für Daheimgebliebene hat die Testcard mit dem Standort Mainz sowieso ein Herz. Menschen, die der Langeweile der Provinz etwas entgegensetzen müssen, verlieren ihre Schöpferkraft oft in einer Großstadt, die auch ohne sie schon lebendig genug ist, konstatiert etwa der Kölner Wolfgang Brauneis. So preist das Heft dann auch die kulturelle Aufbau-Arbeit der Konzert-Veranstalter von "Phantom Limbo", die das Rhein-Main-Gebiet mit schrägen Tönen versorgen, und andere wackere Entwicklungshelfer_innen. Nur der österreichische Radiomoderator Fritz Ostermeyer trotzt den Beharrungskräften und verteidigt die Abwanderer_innen: "Berlin ist (...) nach wie vor ein legitimer Fluchtpunkt".

Vielleicht fehlt den Mainzer_innen auch ein bisschen der Blick für den neoliberalen Umwandlungsprozess in vielen Großstädten. Die testcard nimmt die Gentrifizierungsdebatte zwar auf, vermag sie aber nicht zu bereichern. Pflichtschuldig druckt sie das Hamburger "Not in our Name"-Manifest ab und interviewt einen Experten wie den Stadtforscher Klaus Ronnefelder. Neben einem Text über Anti-Gentrifizierungsstrategien Hamburger Künstler_innen gibt es nur noch einen - wenngleich instruktiven - Lokaltermin in Köln-Ehrenfeld.

Über "linke Räume" weiß das Magazin ebenfalls nicht viel zu berichten. Der betreffende Artikel verfehlt sein Thema und erschöpft sich in unergiebigen Betrachtungen zu Buttons, der RAF, dem Antifaschismus, linken Geschlechterverhältnissen und Freiräumen. Die Verortung queerer Subkulturen gelingt auch nicht viel besser. Verena Spilker affirmiert Berlin als "homohome" und betreibt damit ein alternatives Stadtmarketing, ohne genau sagen zu können, wo die spezifischen Qualitäten der Stadt denn liegen neben den billigen Lebenshaltungskosten und Szene-Nischen, wie sie jede andere Metropole auch bereithält. Interessanter ist da schon der Blick von Bernd Volkert auf die Raum-Vorstellungen in dem zur Zeit äußerst populären Buch "Der kommende Aufstand". Die Autor_innen unterscheiden Volkert zufolge gar nicht mehr zwischen Stadt und Land und nehmen nur noch eine einzige urbane Schwade ohne Form und Ordnung wahr, einen Strom von Waren, Menschen und Informationen. Das "unsichtbare Kommitee" hat nicht zuletzt deshalb dem Zentralismus abgeschworen, Paris verlassen und eine andere politische Form von Aneignung entwickelt: "Es geht darum, auf lokaler Ebene die Kommunen, die Zirkulation und die Solidaritäten zu verdichten, bis zu dem Punkt, an dem das Territorium unlesbar, undurchdringlich wird für jegliche Autorität. Es geht nicht darum, ein Territorium zu besetzen, sondern es zu sein".

"Rechten Räumen" wie Heimat, Nation und Lager geht Michael Wehren im Neofolk, Black Metal und in der Industrial-Musik nach. Dem rechten Großraum "Deutschland" widmet sich Frank Apunkt Schneider. In "Für eine kleine Identität" zeichnet er den "langen Weg nach Mitte" nach, auf dem die hiesige Popmusik ihren Frieden mit dem Land machte vom Muttersprache-Tabu über das uneigentliche Sprechen bis hin zur neuen Unbedarftheit. Da bleibt ihm nur noch, mit dem alten Hamburger Schüler Knarf Rellöm eine neue "Ästhetik der Verkrampfung" auszurufen.

Weg von den öffentlichen Räumen bewegt sich Christian Heller. Er unternimmt eine "kleine Kritik der Privatsphäre". Heller skizziert sie als bürgerlichen Fetisch und Privileg, das den niederen Klassen nicht unbedingt zugestanden wird: Das Bankgeheimnis von Hartz-IV-Empfänger_innen ist jedenfalls kaum jemandem heilig. Auch sonst schlägt die Datenschutz-Debatte ihm zufolge einige Kapriolen. An der staatlichen Sammelwut via Volkszählung stört sich kaum jemand mehr, während die Begehrlichkeiten von Facebook und Google auf flächendeckende Empörung stoßen. Der Autor sieht hier den Versuch der Bürger_innen am Werk, ihre Einzigartigkeit zu verteidigen und der narzissistischen Kränkung vorzubeugen, anhand ihrer Surf-Gewohnheiten vielleicht doch ganz gut ausrechenbar zu sein.

Michael Liegl befasst sich schließlich mit der neuen Ortlosigkeit im digitalen Zeitalter und den dazugehörenden Phantomschmerzen. Sie führen zu Raum-Revivals wie Co-Working-Spaces und Filesharing-Veranstaltungen, wo sich die Menschen hinbegeben, die sich eigentlich nirgendwo mehr hinbegeben müssten, aber doch den Drang dazu verspüren. Allerdings mögen die meisten auch dort nicht auf ihre üblichen Austauschformen verzichten, so dass virtuelle und reale Kommunikation bunt durcheinander purzeln.

Von den Innenwelten zu den digitalen und sozialen Welten, von der Großstadt bis zum Dorf, von Deutschland über Sibirien bis nach Israel - die testcard hat wirklich ziemlich viel Land vermessen. Aber leider ist sie dabei nicht immer bis in die tieferen Lagen vorgedrungen.

JAN

testcard - Beiträge zur Popgeschichte
Ventil-Verlag, 15 Euro